Statt eines Vorwortes.
Herrn Professor Kesare Lomvroso in Turin.
Hochgeehrter und thenrcr Meister,
Ich widme Ihnen dieses Buch, nm laut und freudig die Thatsacheanznerkcnncn, daß es ohne Ihre Arbeiten nie hätte geschrieben werdenkönnen.
Der zuerst von Morel in die Wissenschaft eingesührtc, durch Siegenial ausgcstaltcte Begriff der Entartung hat sich, von Ihnen gehand-habt, bereits nach den verschiedensten Richtungen hin überaus fruchtbarerwiesen. Sie haben über zahlreiche dunkle Hauptstiicke der lerrenhcil-kMur, des Strafrechts, der Politik und Gesellschaftslehre eine wahre Flutvon Licht verbreitet, welche nur von denen nicht wahrgenonnnen wird,die ans eigensinniger Verstocktheit ihre Augen schließen oder die zu blöd-sichtig sind, um noch aus irgend einer Helligkeit Nutzen zu ziehen.
In ein weites und wichtiges Gebiet aber haben bisher weder Sienoch Ihre Schüler die Leuchte Ihrer Methode getragen, nämlich in dasder Kunst und des Schriftthums.
Die Entarteten sind nicht immer Verbrecher, Prostituirtc, Anarchistenund erklärte Wahnsinnige. Sie sind manchmal Schriftsteller und Künstler.Aber diese weisen dieselben geistigen — und meist auch leiblichen — Zugeans wie diejenigen Mitglieder der nämlichen anthropologischen Familie,die ihre ungesunden Triebe mit dem Messer des Meuchelmörders oderder Patrone des Dynamit-Gesellen statt mit der Feder oder dem Pinselbefriedigen.
Einige dieser Entarteten des Schristthums, der Musik und Malereisind in den letzten Jahren außerordentlich in Schwang gekommen undwerden von zahlreichen Verehrern als Schöpfer einer neuen Kunst, alsHerolde der kommenden Jahrhunderte gepriesen.
Das ist keine gleichgiltige Erscheinung. Bücher und Kunstwerke übeneine mächtige Suggestion auf die Massen. Aus ihnen schöpft ein Zeit-alter sein Ideal von Sittlichkeit und Schönheit. Wenn sie nun unsinnigund gesellschaftfcindlich sind, so wirken sie verwirrend und verderbend ansdie Anschannngcn eines ganzen Geschlechts. Dieses, namentlich die ein-drucksfähige, sich für alles Seltsame und scheinbar Nene leicht begeisterndeJugend, muß deshalb gewarnt und über die wirkliche Natur der blindbewunderten Schöpfungen aufgeklärt werden. Die landläufige Kritik thntdies nicht. Eine ausschließlich literarisch-ästhetische Bildung ist ja auchdie denkbar schlechteste Vorbereitung zu einer richtigen Erkenntnis; despathologischen Charakters der Werke von Entarteten. Der phrasendrcschendeSchöngeist trägt mehr oder weniger zierlich, hochtrabend oder gcistreichelnddie subjektiven Eindrücke vor, die er von den kritisirten Werken empfängt,