Der Mysticismus. 325
niedrige, theils lächerliche. Die deutsche Hysterie gibt sich imAntisemitismus kund, dieser gefährlichsten Form des Ver-folgungswahnsinns, in welcher der sich für verfolgt Haltende
> zum wilden, jedes Verbrechens fähigen Verfolger wird („xor-söontö xorsooutonr" der französischen Jrrenheilkunde^). Derdeutsche Hysteriker beschäftigt sich nach Art der Hypochonder undStaatshämorrhoidarier ängstlich mit seiner theuern Gesundheit.
^ Seine Delirien drehen sich um seine Hautausdünstungen und dieVerrichtungen seines Bauches. Er fanatisirt sich für JägersFlanell-Leibchen und das selbstgemahlene Schrotmehl der Ve-getarier. Er geräth in heftige Emotion bei Kneipps Wasfer-begießungen und barfüßigem Herumlaufen auf nassem Grase.Zwischendurch regt er sich in krankhafter Thierfreundlichkeit(„Zoophilie" von Magnan) wegen der Leiden des bei Physio-logischen Versuchen benutzten Frosches auf. und als Grund-ton klingt in all diesen antisemitischen, kneipp'schen, jäger'schen,
> vegetarischen und anti-vivisektionistischen Wahnsinn ein größen-wahnsinniger, teutschthümelnder Chauvinismus, vor dem deredle Kaiser Friedrich vergebens gewarnt hat. Alle diese ver-schiedenen Störungen treten i-n der Regel zusammen auf, undman wird in zehn Fällen neunmal nicht fehl gehen, wennman den in Jägertracht Einherstolzirenden für einen Chauvi-nisten, den Kneipp-Schwärmer für einen Schrotbrod-Wütherichund den nach Professorenblut lechzenden Frosch-Anwalt für einenAntisemiten hält.
i Wagners Hysterie nun nahm sämmtliche Formen der
deutschen Hysterie an. Mit einer leichten Aenderung des Te-renzschen „Homo 8nm" konnte er von sich sagen: „Ich bin einGestörter und keinerlei Störung ist mir fremd." Er konnte
') Legrand du Gaulle nennt den sich verfolgt glaubenden Verfolger„porssouts uetikll. Siche sein grundlegendes Buch: „1,8 äslirs clssxersSentionZ«. Paris, 1871. S 194.