I. Wsychokogie des ZKrMcismus.
Wir haben den Mysticismus (S. 37) bereits als einHauptmerkmal der Entartung kennen gelernt. Er tritt in de-ren Gefolge so allgemein auf, daß es kaum eine Krankenge-schichte von Degenerirten gibt, in der er nicht verzeichnet wäre.Gewährsmänner hierfür anzuführen ist ungefähr ebenso unnö-thig wie etwa dafür, daß beim Typhus eine Erhöhung derKörperwärme beobachtet wird. Es sei daher auch nur eineÄußerung von Legrain^) wiedergegeben, welcher sagt: „Diemystischen Gedanken kommen auf die Rechnung des Wahnsinns derEntarteten. Es gibt zwei Verfassungen, in denen sie beobachtetwerden: im epileptischen und im hysterischen Delirium." WennFederoff2), der das religiöse Delirium und die Extase unterden Begleiterscheinungen des hysterischen Anfalls erwähnt, sieder Frau als Besonderheit zuschreibt, so begeht er einen Jrr-thum, denn sie sind beim männlichen Hysteriker und Degenerir-ten mindestens ebenso häufig wie bei den weiblichen Kranken.
Was ist unter diesem etwas unbestimmten Ausdrucke „My-sticismus" eigentlich zu verstehen? Das Wort bezeichnet einenGeisteszustand, in welchem man unbekannte und unerklärlicheBeziehungen zwischen den Erscheinungen wahrzunehmen oder zuahnen glaubt, in den Dingen einen Hinweis auf Geheimnisseerkennt und sie als Sinnbilder betrachtet, durch welche eine
') Legrain, a. a. O., S. 266 .
2 ) Angeführt von ll. Lonvinoviteü, H^8ttzris inLIö st ctsxSiw-rssosnes, S.I8.