Der Mysticismus.
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So nennt Wagner ruhig „Melodie" mit einem unterscheiden-den Beiwort eine Form, welche thatsächlich die Leugnung undAufhebung der Melodie ist. Er bezeichnet die unendlicheMelodie als einen Fortschritt der Musik und sie ist derenZurückführung auf ihre uralten Ausgangspunkte. Es wiederholtsich bei Wagner wieder einmal die in den früheren Kapiteln so ofthervorgehobene Thatsache, daß die Entarteten ihren Atavismus,ihren krankhaften Rückschlag auf weit zurückliegende niedereund niederste Entwickelungsstufen mit einer seltsamen Seh-täuschung für einen Aufstieg in die Zukunft halten.
Wagner gelangte zu seiner Theorie der unendlichen Melo-die durch seine geringe Fähigkeit zur Erfindung endlicher, dasheißt wirklicher Melodien. Seine schwache Kraft zu melodischerSchöpfung ist allen unbefangenen Musikern ausgefallen. Inder Jugend war sie reicher und da sind ihm (im „Tannhäuser,"„Lohengrin", „Fliegenden Holländer") einige prachtvolle Me-lodien gelungen. Mit zunehmendem Alter verarmte sie immermehr und in dem Maße, in welchem der Strom melodischerErfindung in ihm versiegte, betonte er seine Theorie von derunendlichen Melodie eigensinniger und schroffer. Immer wie-der die bekannte Methode des nachträglichen Ausheckens einerTheorie zur scheinbar verständigen Begründung und Beschöni-gung dessen, was man aus unbewußter organischer Notwendig-keit thut. Da Wagner nicht im Stande war, die einzelnenPersonen seiner Tondichtungen durch rein musikalische Kenn-zeichnung auseinander zu halten, so erfand er das Leitmotiv').
') E. Hauslick, a. a. O. S. 233: „Nachdem im ,Musikdrama° diehandelnden Personen nicht durch den Charakter ihrer Gesangmelodien un-terschieden werden wie in der alten ,Oper' (Don Juan und Leporello,Donna Anna und Zerline, Max und Caspar), sondern in dem phpsiogno-mischen Pathos ihres Sprechtons einander scimmtlich gleichen, so trachtetWagner, diese Charakteristik durch sogenannte Leitmotive im Orchester zuersetzen."