Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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Der Mysticismus.

Rede viel näher verwandt als die Gesänge gesitteter Menschen. . .Die frühen Dichtungen der Griechen, welche, man vergesse dasnicht, heilige Sagen waren, verkörpert in der rhythmischenBildersprache, die starke Gefühle Hervorrufen, wurden nichtgesprochen, sondern psalmodirt (olluntoä); Töne und Tonsallwurden durch dieselben Einflüsse, welche die Rede dichterischmachen, musikalisch gemacht. . . Dieses Psalmodiren war nicht,was wir singen nennen, sondern nahe verwandt mit unsermRezitativ, ja noch viel einfacher als dieses, wenn wir aus derThatsache Schlüsse ziehen sollen, daß die alte griechische Lyra,die blos vier Saiten hatte, unisono mit der 'Stimme gespieltwurde, die also auf blos vier Noten beschränkt war. . . Daßdas Rezitativ, über welches nebenbei bemerkt Chinesen undHindus niemals hinausgelangt zu sein scheinen, natürlich ausden Modulationen und Kadenzen starken Gefühls Herausmuchs,dafür haben wir noch heute lebendige Beweise. Gelegentlichmacht sich starkes Fühlen auch jetzt in dieser Weise Luft. Werjemals anwesend war, wenn in einer Quäker-Versamm-lung einer ihrer Prediger sprach (sie pflegen nur unter demEinflüsse religiöser Emotion das Wort zu nehmen), dem müs-sen die ganz ungewöhnlichen, einem gedämpften Psalmodirenähnlichen Töne ausgefallen sein, in welchen die Ansprachegehalten wurde."

Das Rezitativ, das nichts ist als eine gesteigerte Redeund das keine geschlossenen melodischen Formen erkennen läßt,ist also die älteste Form der Musik; sie ist der Eutwickelungs-grad, bis zu welchem die Tonkunst bei den Wilden, den altenGriechen, den heutigen ostasiatischen Völkern gelangt ist. Wagnersunendliche Melodie" ist nichts Anderes als ein reich harmoni-sirtes und bewegtes Rezitativ, aber ein Rezitativ. Der Name,den er seiner angeblichen Erfindung beigelegt hat, darf unsnicht irre machen. Im Munde des Entarteten hat das Wortnie den Sinn, den ihm der allgemeine Sprachgebrauch beilegt.