Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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Der Mysticismus.

Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit sich in der Musik äußert. Inder Malerei führt Aufmerksamkeit zur Komposition, ihr Fehlenzur photographisch gleichmäßigen Behandlung des ganzen Seh-feldes wie bei den Präraphaeliten; in der Dichtung ergibt Auf-merksamkeit Klarheit der Gedanken, Folgerichtigkeit des Vortrags,Unterdrückung des Unwichtigen und Hervorhebung des Wesent-lichen, ihr Fehlen Faselei wie bei den Graphomanen und einepeinliche Breite wegen wahllosen Eintragens aller Wahrneh-mungen wie bei Tolstoi; in der Musik endlich drückt sich Auf-merksamkeit durch geschlossene Formen, das heißt durch begrenzteMelodien, ihr Fehlen aber durch die Auflösung der Form,durch das Verwischen ihrer Grenzen, also durch die unendlicheMelodie aus wie bei Wagner. Dieser Parallelismus istkein willkürliches Spiel des Geistes, sondern das thatsächlicheBild der gleichlaufenden Gedankenvorgänge im Bewußtseinder verschiedenen Gruppen von Entarteten, die in den ver-schiedenen Künsten, ihren besonderen Mitteln und Zielen ent-sprechend, verschiedene Erscheinungen Hervorbringen.

Man halte sich gegenwärtig, was Melodie ist. Sie isteine regelmäßige Fügung von Tönen zu einer in erhöhtemMaße ausdrucksvollen Tonfolge. Die Melodie entspricht inder Musik dem folgerichtig gebauten, einen Gedanken klar Vor-tragenden, deutlich begrenzt anfangenden und endenden Satz inder Sprache. So wenig das träumerische Schweifen halb aus-gebildeter, schattenhafter Gedanken die Prägung derartiger Sätzegestattet, ebenso wenig führt die fließende Bewegung dumpfverworrener Emotionen zur Bildung einer Melodie. AuchEmotionen können deutlicher und weniger deutlich sein. Auchsie können einen chaotischen und einen geordneten Zustandzeigen. In dem einen Falle ragen sie als erkennbare, vonder Aufmerksamkeit kräftig beleuchtete Figuren ins Bewußt-sein, das ihre Beschaffenheit und ihre Absicht begreift, in demandern sind sie dem Bewußtsein ein beunruhigendes Räthsel