Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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306
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Der Mysticismus.

Wagner ist, trotz ablehnender Urtheile mancher seinerFachgenossen, unzweiselhast ein hervorragend befähigter Musi-ker. Diese kühl ausgedrückte Anerkennung wird den Wagner-Fanatikern, die ihn über Beethoven stellen, sicherlich groteskscheinen. Doch um die Eindrücke, die er bei dieser Gesellschafthervorbringt, hat sich ein ernster Wahrheitsncher nicht zu küm-mern. Wagner sind, allerdings in der ersten Zeit seinesSchaffens viel häufiger als später, sehr schöne Stücke gelungen,von denen manche als Perlen des Musik-Schriftthums zu be-zeichnen sind und sich wahrscheinlich lange der Schätzung auchder gesunden und vernünftigen Leute erfreuen werden. Aberdem Tondichter Wagner stand sein Leben lang ein großerFeind gegenüber, der ihn an der vollen Entfaltung seinerGaben gewaltsam hinderte, und dieser Feind war der Musik-theoretiker Wagner.

In seinem graphomanischen Dusel hat er einige Lehrenausgeheckt, die sich als ebenso viele ästhetische Delirien darstel-len. Die wichtigsten sind seine Dogmen vom Leitmotiv undvon der unendlichen Melodie. Heute dürfte wohl Jeder wissen,was Wagner unter jenem versteht. Der Ausdruck ist alsFremdwort in alle gesitteten Sprachen übergegangen. DasLeitmotiv, in welchem die endgiltig abge thaneProgramm-Mn-sik" folgerichtig gipfeln mußte, ist eine Tonfolge, die einen be-stimmten Begriff ausdrücken soll und im Orchester austritt,wenn der Tonsetzer beabsichtigt, dem Zuhörer den entsprechen-den Begriff in Erinnerung zu bringen. Durch das Leitmotivverwandelt Wagner die Musik in eine nüchterne Sprache.Das Orchester, das sich von Leitmotiv zu Leitmotiv schwingt,versinnlicht nicht mehr allgemeine Emotionen, sondern erhebtden Anspruch, sich an das Gedächtniß, an den Verstand zu wen-den und ihm scharf umrissene Vorstellungen zu übermitteln. Wag-ner verknüpft einige Noten zu einer in der Regel nicht einmalsehr deutlichen und eigenartigen Tonfigur und macht mit dem