304
Der Mysticismus.
ten sehr viel deutlicher wahrzunehmen ist als an der Musik,in welcher einige geistige Stigmate der Entartung nicht auf-fallen und andere geradezu als Vorzug erscheinen. Das Un-zusammenhängende, das der Aufmerksame dem Worte sofortanmerkt, wird in der Musik nur offenkundig, wenn es außer-ordentlich stark ausgesprochen ist, Sinnlosigkeit, Widersprüche,Faselei können in der Tonsprache kaum Vorkommen, weil siekeinen bestimmten Sinn auszudrücken hat, und Emotivität istbei ihr nichts Krankhaftes, da die Emotion das eigentlicheWesen der Musik ist.
Wir wissen überdies, daß hohe musikalische Begabung mitZuständen weit vorgeschrittener Entartung ja mit ausgesprochenemWahn-, Irr- und Blödsinn verträglich ist. Sollier^) sagt:„Wir haben von gewissen Fähigkeiten zu sprechen, die sich rechtoft bei den Idioten und Jmbecillen mit großer Heftigkeit kund-geben. . , Besonders die für Musik wird sehr häufig ange-troffen. . . Obschon dies den Musikern unangenehm scheinenmag, beweist dies doch, daß die Musik die wenigst verstandes-mäßige (intollsotnsl) aller Künste ist." Lombroso^) bemerkt,daß man „beobachtete, wie die musikalische Befähigung fast unwill-kürlich und unerwartet in vielen an Trübsinn und Manie undsogar in einigen an wirklichem Wahnsinn Leidenden sich äußerte."Er führt neben manchen anderen Fällen an: einen dem Trüb-sinn verfallenen Mathematiker, der auf dem Klavier improvi-sirte; ein an Größenwahnsinn leidendes Weib, „das sehr schöneArien sang, während sie zugleich auf dem Klavier zwei ver-schiedene Motive improvisirte"; einen Kranken, der „sehr schöneneue und melodische Weisen erfand," u. s. w., und er fügt erklä-rend hinzu, daß die an Größenwahn und allgemeiner LähmungLeidenden die anderen Geisteskranken an musikalischer Begabungübertreffen, „und zwar aus derselben Ursache, welcher ihre
') Sollier, a. a. O. S. 101.
2 ) Lombroso, Genie und Irrsinn. S. 214 ff.