286 Der Myflicismus.
muß und sie nicht leidend als ein gänzlich unverdientes Ge-schenk erwarien darf.
Diese theologische Erlösung ist nicht die Erlösung im SinneWagners. Sie hat bei ihm überhaupt keinen deutlich erkenn-baren Inhalt und dient nur zur Bezeichnung von etwasSchönem und Großem, das er nicht näher angibt. Das Worthat offenbar ursprünglich einen tiefen Eindruck auf seine Ein-bildungskraft gemacht und er bediente sich seiner in der Folgewie etwa eines Mollakords, sagen wir ao 6, der ebenfalls nichtsBestimmtes bedeutet, aber dennoch Emotion erweckt und dasBewußtsein mit schwimmenden Vorstellungen bevölkert. BeiWagner wird fortwährend „erlöst." Wenn (im „Kunstwerkder Zukunft") die Malerei aufhört, Bilder zu malen, und nurnoch Theaterdekorationen schafft, so ist dies ihre „Erlösung."Ebenso ist die Musik, welche die Worteeiner Dichtung begleitet, eine„erlöste" Musik. Der Mann ist »erlöst", wenn er ein Weib liebt,und das Volk ist „erlöst", wenn es Theater spielt. Auch seineStücke drehen sich allesammt um Erlösung. Dies hat schonNietzsche^) bemerkt und er macht sich darüber, freilich mit wi-derwärtig oberflächlicher Witzelei, lustig. „Wagner", sagt er,„hat über nichts so viel wie über die Erlösung nachgedacht:"(eine ganz falsche Behauptung, da Wagners Erlösungs-Fa-selei sicher nicht Ergebnis des Nachdenkens, sondern mysti-scher Nachklang von Kindes-Emotionen ist) „seine Oper istdie Oper der Erlösung. Irgendwer will bei ihm immererlöst sein: bald ein Männlein, bald ein Fräulein. . . Werlehrte es uns, wenn nicht Wagner, daß die Unschuld mit Vor-liebe interessante Sünder erlöst? (Der Fall Tannhäuser.)Oder daß selbst der ewige Jude erlöst wird, seßhaft wird,wenn er sich verheiratet? (Der Fall im Fliegenden Holländer.)Oder daß alte verdorbene Frauenzimmer es vorziehen, vonkeuschen Jünglingen erlöst zu werden? (Der Fall Kundry.)
') Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner. Leipzig, 1889.