Der Mysticismus.
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Brust an Brust, Glied an Glied, in brünstigem LiebeskusseZu einer einzigen, wonnig lebenden Gestalt zu verwachsen. —Das ist das Lieben und Leben, Freuen und Freien" (manbeachte die Wortspiele!) „der Kunst u. s. w." Hier verliertWagner sichtlich den Faden der Beweisführung, er vernach-lässigt, was er eigentlich sagen wollte, und verweilt schwelgendbei dem Bilde der drei tanzenden Mädchen, die vor seinemInnern Auge aufgetaucht siud, den Umrissen ihrer Gestalt undihren aufregenden Bewegungen mit geilem Lüsteln folgend.
Die schamlose Sinnlichkeit, die in seinen Bühnendichtungenherrscht, ist allen seinen Kritikern aufgefallen. Hanslick^) sprichtvon der „thierischen Sinnlichkeit" in „Rheingold" und über„Siegfried" sagt er: „Widerlich berühren die bei Wagner sobeliebten exaltirten Accente einer bis an die äußersten Grenzenlodernden, unersättlichen Sinnlichkeit, dieses brünstige Stöhnen,Acchzen, Aufschreien und Zusammensinken. Der Text dieserLiebesszene wird in seiner Ueberschwenglichkeit mitunter zubarem Unsinn." Man lese im ersten Aufzuge der „Walküre,"2)im Auftritte zwischen Siegmund und Sieglinde die Spiel-Angaben: „Hitzig unterbrechend", „umfaßt sie mit feurigerGlut", „in leiser Entzückung", „sie hängt sich entzückt an seinenHals", „dicht an seinen Augen", „außer sich", „in höchsterTrunkenheit" u. s. w. Am Schlüsse heißt es) „Der Vorhangfällt schnell", und leichtfertige Kritiker haben sich den billigenWitz nicht entgehen lassen: „Das ist sehr nothwendig." Dasverliebte Wimmern, Winseln und Toben von Tristan undIsolde, der ganze zweite Aufzug des „Parsifal" mit den Auf-tritten zwischen dem Helden und den Blumenmädchen und dannzwischen ihm und Kundry in Klingsors Zaubergarten reihensich würdig jenen Stellen an. Es gereicht der Sittlichkeit desdeutschen Publikums wirklich zu hoher Ehre, daß Wagners
') Eduard Hanslick, Musikalische Stationen. Berlin, 1880, S. 220, 243.
2 ) Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen. Band 6, S. 3 ff.