Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
271
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Der Mysticit'iims. 271.

werden, um nur noch als Mitarbeiter des Mnsikdramas weiter-zulcben.

Die erste Behauptung ist mindestens zweifelhaft. ImKölner Dom wirkt die Baukunst, auch ohne daß ein Dramain ihm dargestellt wird, der Schönheit und Tiefe Fausts undHamlets würde Musikbegleitung gar nichts hinzufügen, GoethesLyrik und die Göttliche Komödie bedürfen keiner Landschafts-Malerei als Rahmen und Hintergrund, der Moses von MichelAngelo macht schwerlich einen liefern Eindruck, wenn um ihngetanzt oder gesungen wird, und damit die Pastoralsymphouieihren vollen Zauber übe, bedarf cs nicht der Begleitung desWortes. Schopenhauer, den Wagner doch als den größtenDenker aller Zeiten bewundert hat, drückt sich über diesenPunkt sehr bestimmt aus.Die große Oper", sagt er^)isteigentlich kein Erzeugniß des reinen Kunstsinnes, vielmehr desetwas barbarischen Begriffs von Erhöhung des ästhetischen Genussesmittelst Anhäufung der Mittel, Gleichzeitigkeit ganz verschieden-artiger Eindrücke und Verstärkung der Wirkung durch Ver-mehrung der wirkenden Masse und Kräfte; während dochdie Musik, als die mächtigste aller Künste, für sich allein,den für sie empfänglichen Geist vollkommen ausznfüllen vermag;ja ihre höchsten Produktionen, um gehörig aufgefaßt und genossenzu werden, den ganzen ungeteilten und unzcrstrenten Geistverlangen, damit er sich ihnen hingebe und sich in sie versenke,um ihre so unglaublich innige Sprache ganz zu verstehen. Stattdessen dringt man während einer so höchst komplicirtcn Opern-Musik zugleich durch das Auge auf den Geist ein, mittelst desbuntesten Gepränges, der phantastischesten Bilder und der leb-haftesten Licht- und Farbeneindriicke; wobei noch außerdemdie Fabel des Stückes ihn beschäftigt. . . Strenge genommenalso könnte man die Oper eine unmusikalische Erfindung zu

') Arihur Schopenhauer, Parerga und Paralipomeua. Kleine philo-sophische Schriften. Leipzig, 1888. 2. Baud, S. 4ü5.