Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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D-e MysticiSmus.

Werbung in der Ehe fcsthält, das ist nicht mehr physiologischeLiebe, sondern ein verwickeltes Gemisch von Gewohnheit, Dank-barkeit, ungeschlechtlicher Freundschaft, Bequemlichkeit, der Wunsch,sich wirthschaftliche Vortheile zu verschaffen, (zu diesen muß natür-lich euch eine geordnete Häuslichkeit, gesellschaftliche Repräsen-tation u. s. w. gerechnet werden), der Gedanke der Pflicht gegendie Kinder und den Staat, mehr oder weniger auch die gedanken-lose Nachahmung eines allgemeinen Brauchs. Gefühle, wiesie in derKreutzersonate" und imRoman der Ehe" geschil-dert sind, empfindet der normale Mann aber niemals gegensein Weib, auch wenn er aufgehört hat, es im natürlichenSinne des Wortes zu lieben.

Ganz anders liegen alle diese Verhältnisse beim" Ent-arteten. Ihn beherrscht die krankhafte Thätigkeit seiner Ge-schlechtszentren vollständig. Bei ihm hat der Gedanke an dasWeib die Gewalt einer Zwangsvorstellung. Er fühlt, daß er-den Erregungen, die vom Weib .ausgehen, nicht widerstehenkann, daß er der ohnmächtige Sklave des Weibes ist und ansdessen Blick und Wink jede Thorheit, jeden Wahnsinn, jedesVerbrechen begehen würde. Er sieht also nothwendig in demWeib eine unheimliche, übermächtige, zugleich höchsten Genußgewährende und zerstörende Naturgewalt und er zittert vordieser Kraft, der er wehrlos ausgeliefert ist. Wenn dannnoch die fast nie fehlenden Verirrungen hinzutreten, wenn erfür das Weib thatsächlich Dinge begeht, für die er sich ver-urtheilen und verachten muß, oder wenn das Weib, ohne daßes bis zu wirklichen Handlungen kommt, in ihm Regungcwund Gedanken erweckt, vor deren Niedrigkeit oder Verrucht-heit er sich entsetzt, so wird das Grauen, das das Weib ihmeinflößt, in den Augenblicken der Erschöpfung, in welchen dasllrtheil stärker ist als der Trieb, in Abscheu und wilden HaßUmschlagen. Der erotomanische Entartete steht dem Weibe sogegenüber wie der dipsomanische dem berauschenden Getränke.