Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
256
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Der Mysticismus.

die beinahe vollständige Abwesenheit aller Metaphysik, seineGleichgiltigkeit gegen die sogenannten Jenseits-Fragen."

Rod weiß eben nicht, was Mystizismus ist. Er schränktden Sinn dieses Wortes unzulässig ein, wenn er es nur zurBezeichnung der Beschäftigung mitJenseits-Fragen" gebraucht.Wäre er weniger oberflächlich, so würde er erkennen, daßGlaubensschwärmerei nur ein besonderer Fall eines allgemeinenGeisteszustandes und Mystizismus jede von Emotivität beglei-tete krankhafte Dunkelheit und Zusammenhanglosigkeit desDenkens ist, also auch die, deren Frucht das zugleich materia-listische, pantheistische, christliche, aszetische, rousseausche undkommunistische System Tolstois ist.

Raphael Löwenfeld, dem wir die erste vollständige deutscheAusgabe der Werke Tolstois verdanken, hat auch eine sehrverdienstvolle Lebensgeschichte des russischen Dichters geschrieben,in der er sich aber verpflichtet glaubt, nicht nur für seinenHelden leidenschaftlich Partei zu nehmen, sondern auch dessenmögliche Kritiker im Voraus seiner tiefen Verachtung zu ver-sichern.Der Unverstand", sagtet),nennt sie" (dieselbst-ständigen Erscheinungen" von der Art Tolstois)Sonderlinge,er mags nicht leiden, daß einer um einen Kopf größer sei als alle.Der Vorurtheilsfreie, dem die Fähigkeit ward, Großes zubewundern, sieht in ihrer Selbstständigkeit die Aeußerung einerungewöhnlichen Kraft, die über das Können der Zeit hinaus-gewachsen ist und den Kommenden führend die Wege weist."Es ist wohl gewagt, ohne Weiteres Alle, die nicht seiner Meinungsind, desUnverstandes" zu bezichtigen. Wer so selbstherrlichrichtet, der wird es sich gefallen lassen müssen, daß man ihmantwortet, des Unverstandes mache sich derjenige schuldig, derohne die nöthigste Vorbildung an die Beurtheilung einer Er-scheinung herantritt, zu deren Verständniß etwas ästhetisch-lite-

y Raphael Löwenfeld, Leo N. Tolstoj, sein Leben, seine Werke, seineWeltanschauung. Erster Theil. Berlin, 1892. Vorwort. S. I.