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Der Mysticismus.
blos die Abwendung des Schmerzes von sich und die Stei-gerung der eigenen Lustgefühle. Die Nächstenliebe dagegen,die Tolstoi offenbar predigen will, gibt vor, selbstlos zu sein;sie beabsichtigt die Verminderung des Leides und die Vermehrungdes Glückes Anderer, sie kann also nicht mehr triebhaft geübtwerden, denn sie erfordert eine genaue Kenntniß der Lebens-bedingungen, der Empfindungen und Wünsche der Anderenund die Erlangung dieser Kenntniß setzt Beobachtung, Nach-denken und Urtheil voraus. Man muß ernst erwägen, wasdem Nebenmenschen wirklich noth und wohl thut. Man mußans sich, den eigenen Gewohnheiten und Vorstellungen voll-kommen heraustreten und sich anstrengen, in die Haut desMenschen zu schlüpfen, dem man Liebes erweisen will. Manmuß die beabsichtigte Wohlthat mit seinem Auge ansehen und mitseinem Gcmüth empfinden, nicht mit dem eigenen. Thut Tolstoidas? Seine Dichtungen, in denen er seine angebliche Nächsten-liebe in lebendiger Thätigkeit zeigt, beweisen das genaue Ge-gentheil.
In der Erzählung „Albert" nimmt Delessow einenverbummelten kranken Geigenspieler aus Bewunderung für seinehohe Begabung und aus Mitleid mit seiner Armuth und Hilf-losigkeit bei sich auf. Da der unglückliche Künstler ein Trinkerist, sperrt Delessow ihn gleichsam bei sich ein, stellt ihn unterdie Bewachung seines Dieners Sachar und enthält ihm geistigeGetränke vor. Am ersten Tage fügt sich Albert, der Künstler,ist aber sehr gedrückt und verstimmt. Am zweiten Tage wirfter seinem Wohlthäter bereits „boshafte Blicke" zu. „Er-schien Delessow zu fürchten, ein heftiger Schrecken maltesich jedesmal, wenn ihre Blicke sich begegneten, in seinem Ge-sichte. . . Er antwortete nicht ans die Fragen, welche ihm
') Leo N. Tolstojs Gesammelte Werke. Vom Verfasser genehmigteAusgabe von Raphael Löwenfeld. Berlin, 1891. Band II: Novellen undkleine Romane. 1. Th.