Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
239
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Der Mysticismus.

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thal"aus seinem eigenem Kopfe zog", mit dem ebenso betiteltenPZerke Lavaters, lehrt ihn nun über die Bedeutung desLebens folgendes:^)Die Menschen stellen sich vor, sie seienEinzel-Wesen, ein jedes mit seinem Lebenswillen für sich, dasaber ist Trug. Das alleinige wahre Leben ist das, das denWillen des Vaters als Ursprung des Lebens anerkennt. DieseEinheit des Lebens offenbart meine Lehre und stellt dasLeben dar, nicht wie einzelne Schößlinge, sondern wie eineneinzigen Baum, an dem alle Schößlinge wachsen. Der nur,der im Willen des Vaters lebt wie ein Schößling am Baume,nur der lebt, wer aber leben will nach seinem Willen, wie einlosgerissener Schößling, der stirbt." Schon früher hat ergesagt, daß der Vater Gott, daß Gott derunendliche Allur-sprung" und gleichbedeutend mitGeist" sei. Wenn also dieseStelle überhaupt einen Sinn hat, so kann es nur der sein,daß die ganze Natur ein einziges lebendes Wesen, jedes ein-zelne Lebende, also auch jeder Mensch, ein Theil des All-Lebens und daß dieses All-Leben Gott sei. Diese Lehreist aber nicht von Tolstoi erfunden. Sie hat einen Namenin der Geschichte der Philosophie. Sie heißt Pantheismus.Sie ist vorgeahnt vom Buddhismus und von Spinoza ausge-baut. Aber im Evangelium ist sie sicher nicht enthalten undsie ist die bestimmte Leugnung des Christenthums, das, manmag seine Glaubensschriften rationalistisch deuten und quälenso viel man will, niemals die Lehre vom persönlichen Gottund der göttlichen Natur Christi ausgeben kann, ohne sich vonseinem ganzen religiösen Inhalt, von allen seinen lebens-wichtigen Organen zu leeren und aufzuhören, ein Glaube zusein.

So sehen wir, daß Tolstoi auf der Suche nach der Er-klärung des Lebensräthsels beim christlichen Glauben derMenge angekommen zu sein meint und thatsächlich beim Gegen-

') Tolstoi, Kurze Darlegung u. s. w. S. 172.