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1 (1892)
Entstehung
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Der Mysticismus.

satz ist Willkür und mystischer Gedankensprung.Die Mengelebt ruhig und über ihren Zweck im Klaren" nicht, weil sieeineneinfachen Glauben" hat, sondern weil sie gesund ist, weilsie sich gern leben fühlt, weil das Leben ihr bei jeder orga-nischen Verrichtung, bei jeder Bethätigung ihrer Kräfte, injedem Augenblicke Befriedigungen gibt. Dereinfache Glaube"ist die zufällige Begleiterscheinung dieses natürlichen Optimis-mus. Die Mehrheit der Ungebildeten im Volke, die den ge-sunden Theil der Menschheit darstellt und darum lebensfrohist, erhält allerdings in der Kindheit Unterricht im Glaubenund berichtigt später nur selten durch eigenes Denken die Jrr-thümer, die ihr von Staatswegen beigebracht worden sind; aberihre gedankenlose Gläubigkeit ist eine Folge ihrer Armuth undUnwissenheit wie ihre schlechte Kleidung, ungenügende Nahrungund ungesunde Wohnung. Zu sagen, daß die Mehrheitruhiglebt und über ihren Zweck im Klaren ist", weil sieden ein-fachen Glauben hat," ist ganz so folgerichtig, wie etwa dieBehauptung, daß diese Mehrheitruhig lebt und über ihrenZweck im Klaren ist", weil sie hauptsächlich Kartoffeln ißt, oderweil sie in Kellern wohnt, oder weil sie selten Bäder nimmt.

Die Thatsache, daß die Mehrheit seinen Pessimismusnicht theilt, sondern sich des Lebens freut, hat Tolstoirichtig gesehen, aber er hat sie mystisch gedeutet. Statt zuerkennen, daß der Optimismus der Menge einfach ein Zeichenihrer Lebenskraft ist, führt er ihn auf ihren Glauben zurück undsucht nun selbst im Glauben die Aufschlüsse über den Zweck seinesDaseins.Ich wurde," erzählt er in einer andern Schrift^),dem Christenthum weder durch theologische noch durch histo-rische Forschungen zugeführt, sondern durch den Umstand, daßich, als ich im Alter von 50 Jahren mich und die Weisenmeiner Kreise danach gefragt, was es mit mir auf sich und

') Graf Leo Tolstoi, Kurze Darlegung des Evangelium. Aus demRussische» von PaulLauterbach. Leipzig, Reclams Universal-Bibliothek. S. 13.