Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
230
Einzelbild herunterladen
 

230

Der Mysticismus.

bewegung gelesen. Von da an setzte ihn die öffentliche Mei-nung der Völker des Westens in die erste Reihe der lebendenSchriftsteller, sein Name lebte in Aller Munde, die allgemeineTheilname wandte sich nicht nur seinen früheren, Jahrzehntelang unbeachtet gebliebenen Schriften, sondern auch seiner Per-son und seinen Schicksalen zu und er wurde am Abende seinesLebens so zu sagen über Nacht zu dem, was er jetzt unbe-streitbar ist: zu einer der Haupt-Repräsentativ-Gestclten desausgehenden Jahrhunderts. DieKreutzer-Sonate" steht aberdichterisch nicht so hoch wie die meisten seiner älteren Werkesein Ruhm, der nicht durchKrieg und Friede",Die Kosa-ken",Anna Kareniua" u. s. w., sondern lange nach dem Er-scheinen dieser reichen Dichtungen durch dieKreutzer-Sonate"mit einem Schlag erworben wurde, kann also nicht auf ästhe-tischen Vorzügen allein oder hauptsächlich beruhen. Die Ge-schichte dieses Ruhmes beweist somit, daß nicht der DichterTolstoi die Ursache des Tolstoismus ist.

In der That, diese Geistesrichtung ist weit mehr, vielleichtganz und gar, auf den Philosophen Tolstoi zurückzuführen.Der Philosoph ist also für unsere Untersuchung unvergleichlichwichtiger als der Dichter.

Tolstoi hat sich eine Anschauung von der Stellung desMenschen in der Welt, von seinem Verhältnisse zur Gesammt«Menschheit und vom Zwecke seines Lebens gebildet, die ausallen seinen Dichtungen hervorgeht, aber von ihm auch zusam-menhängend in mehreren theoretischen Schriften, namentlich inMeine Beichte",Mein Glaube",Kurze Darlegung desEvangeliums" undVom Leben" dargestellt worden ist. Sieist wenig verwickelt und läßt sich in einige Worte zusammenfas-sen: der einzelne Mensch ist nichts, die Gattung ist alles; dasIndividuum lebt, um seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen pDenken und Forschen sind das große Übel; die Wissenschaftist das Verderben; der Glaube ist das Heil.