Der Mysticismus.
229
gelangen will, dann verdunkelt sich dieser klare Blick, der uner-schrockene Forscher verliert den Grund unter den Füßen, erfällt in den Abgrund der philosophischen Widersprüche, inihm, um ihn fühlt er nur noch das Nichts und die Nacht."Voguä wünscht eine Erklärung dieser „seltsamen Verknüpfung"von größter Klarheit im Erfassen von Einzelheiten und völligerUnfähigkeit, ihre Beziehungen zu einander zu verstehen. DieErklärung ist meinem Leser nun schon geläufig. Das mystischeDenken, das Denken ohne Aufmerksamkeit des Emotiven führtseinem Bewußtsein Einzelbilder zu, die sehr scharf sein können,wenn sie sich auf seine Emotion beziehen, aber es ist nicht imStande, diese Einzelbilder verständig zu verknüpfen, weil eseben der hierzu nöthigen Aufmerksamkeit ermangelt.
So großartige Eigenschaften nun auch Tolstois Werkeder Einbildungskraft besitzen, so hat er doch seinen Weltrufund seine Wirkung auf die Zeitgenossen nicht ihnen zu ver-danken. Seine Romane wurden als hervorragende Werke an-erkannt, aber Jahrzehnte lang hatten weder „Krieg undFriede" und „Anna Karmina" noch die kleineren Erzählungenaußerhalb Rußlands sehr viele Leser und ihrem Verfasserzollte die Kritik nur eine Bewunderung mit Vorbehalten. InDeutschland sagte noch 1882 Franz Bornmüller in seinem „Bio-graphischen Schriftsteller-Lexikon der Gegenwart" von Tolstoi:„Er besitzt ein nicht gewöhnliches belletristisches Talent, dasaber künstlerisch nicht gehörig durchgebildet ist und durch einegewisse Einseitigkeit der Anschauungen über das Leben undüber den Geist der Geschichte beeinflußt wird." Das war bisvor wenigen Jahren die Meinung der nicht sehr zahlreichenNichtrussen, die ihn überhaupt kannten. Erst die „Kreutzer-Sonate", die 1889 erschien, trug seine» Namen bis an dieGrenzen der Gesittung; erst diese kleine Erzählung wurde inalle gebildeten Sprachen übersetzt, in Hunderttausenden vonAbzügen verbreitet und von Millionen mit heftiger Gemüths-