Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
215
Einzelbild herunterladen
 

Der Mysticismus.

215

nach unserm Gefühle für Wohlklang Anapästen mit Jambenoder Spondäen wechseln. Die englische, die italienische, dieslavische Dichtung sind ebenso weit und wenn die Franzosenallein zurückgeblieben sind und endlich das Bedürfniß empfinden,ihre alte, verzottelte und mottenzerfressene Perrücke abzuwerfen,so ist das zwar ganz vernünftig, doch machen sie sich beijedem Nichtfranzosen blos lächerlich, wenn sie ihr mühseligesNachhumpeln hinter den weit vorausgelangten anderen Völkernals ein unerhörtes Pfadfinden und Bahnbrechen und alsein idealtrunkenes Vordringen ins Morgenroth der Zukunftausposaunen.

Eine andere ästhetische Forderung der Symbolisten ist die,daß der Vers, ganz abgesehen von seinem Sinne, durch denbloßen Klang eine beabsichtigte Emotion Hervorrufe. DasWort soll nicht durch seine» Vorstellungsinhalt, sondern alsTon wirken, die Sprache zur Musik werden. Es ist bezeichnend,daß viele Symbolisten ihren Büchern Titel gegeben haben,welche musikalische Vorstellungen erwecken sollen. Wir finden1^68 Llarninos",die Skalen", von Stuart Merrill,iHOantilonoo" von Jean Moroas,Glocken in der Nacht" vonAdolphe Netto,Romanzen ohne Worte" von Paul Verlaineu. s. w. Dieser Gedanke der Verwendung der Sprache alsTonwerkzeug zur Erzielung rein musikalischer Wirkungen nun istein mystisch-delirirender. Wir haben gesehen, daß die Prära-phaeliten von den bildenden Künsten verlangen, daß sie nicht dasKonkrete Plastisch oder optisch darstellen, sondern das Abstrakteausdrücken, also einfach die Rolle der Buchstabenschrift überneh-men sollen. Ähnlich verrücken die Symbolisten alle natürlichenGrenzen der Künste und weisen dem Worte eine Aufgabe zu,die allein dem musikalischen Tonzeichen zukommt. Aber währendjene die bildenden Künste zu einem höhern als dem ihnen an-gemessenen Range befördern wollen, setzen diese das Wort weitzurück. In seinen Anfängen ist der Laut musikalisch. Er