Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
151
Einzelbild herunterladen
 

Der Mysücismus.

151

Frucht zu essen und kein Mund, sondern irgend ein Gewürmsände dich süß. Ich möchte grausame Mittel finden, um dichzu erschlagen, heftige Erfindungen und ein Uebermaß vonQual. . . O wagte ich doch, dich mit Liebe bis zur Ver-nichtung zu zermalmen und zu sterben, an deinem Schmerzund meiner Wonne zu sterben und mit deinem Blute vermengtund in dich geschmolzen zu sein." Oder wenn er flucht undschmäht (Lsloriz clarvn'*):Von der Schamhaftigkeit möchteich sagen: was ist das ? Von der Tugend : wir brauchen sie nicht.Von der Sünde: wir wollen sie küssen, sie ist nicht mehr Sünde."

Eine eingehendere Analyse verdient ein Gedicht, weil esunverkennbar den spätemSymbolismus" im Keim enthältund ein lehrreiches Beispiel dieser Form des Mystizismus ist.Das Gedicht heißtDes Königs Tochter". Es ist eine ArtBallade, die in vierzehn vierzeiligen Strophen eine märchen-hafte Geschichte von zehn Königstöchtern erzählt, von deneneine den übrigen neun vorgezogen, prächtig gekleidet, mit köst-lichen Speisen genährt, weich gebettet und von einem schönenPrinzen ausgezeichnet wird, während ihre Schwestern vernach-lässigt bleiben; statt aber an der Seite des Prinzen das Glückzu finden, wird sie tief unglücklich, so daß sie sich den Todwünscht. Im ersten und dritten Vers jeder Strophe wird dieGeschichte vorgetragen, der zweite Vers aber spricht von einemfabelhasten Mühlbach, der in die Ballade kommt, man weißnicht wie, und der durch einen geheimnißvollen Einfluß immerden Fortgang der Balladen-Handluug in allerlei Verände-rungen, die mit ihm Vorgehen, sinnbildlich widerspiegelt, undder vierte Vers enthält eine litaneiartige Ausrufung, die sichebenfalls gleichlaufend auf den jeweiligen Stand der Geschichtebezieht.Wir waren zehn Mägdlein im grünen Korn," sobeginnt das Gedicht;kleine rothe Blätter im Mühlwasser.Schönere Mägdlein waren nie geboren; Goldäpfel für desKönigs Tochter! Wir waren zehn Mägdlein beim springenden