Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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143
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Der Mysticismus.

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L.r:.

sollte, ein sehr alter Mann zn werden, so wird sie höchstensfünf oder sechs ihrer Tage zu warten haben, bis er an ihrerSeite erscheint, und nach dieser winzigen Spanne Zeit blühtihnen beiden die ewige Seligkeit. Es ist also nicht einzusehen,weshalb sie Kummer hat und Zäyren vergießt. Dies erklärtsich nur aus dem verworrenen Denken des mystischen Dichters.Er stellt sich ein Freudenleben nach dem Tode vor, aber gleich-zeitig dämmern in seinem Bewußtsein dunkle Bilder von Ver-nichtung der Persönlichkeit und endgiltiger Trennung durchden Tod und erregen die schmerzlichen Empfindungen, vondenen die Vorstellungen des Sterbens, des Verwesens, desScheidens von allen Lieben begleitet zu sein Pflegen. So ge-langt er dazu, eine verzückte Hymne der Unsterblichkeit mitThränen zu schließen, die nur dann einen Sinn haben, wennman an die Fortdauer nach dem Tode nicht glaubt. Auchsonst finden sich in dem Gedichte Widersprüche, welche erken-nen lassen, wie Rossetli keine einzige seiner Vorstellungen soscharf gebildet hat, daß sie gegensätzliche, mit ihr unverträg-liche ausschließt. So sind einmal die Verstorbenen in Weißgekleidet und mit einem Strahlenkranz geschmückt, sie erschei-nen in Paaren und nennen einander mit Kosenamen, sie müs-sen also als menschenähnliche Erscheinungen gedacht werden,ein andermal sind die Seelen wiederdünne Flammen", diean dem Edelfräulein vorbeihuschen. Jede einzelne Vorstellungin dem Gedichte, der wir nüchtern nachgehen wollen, verflüchtigtsich auf diese Weise unfehlbar in Finsterniß und Formlosigkeit.

In der Göttlichen Komödie, deren summender Widerhall inRossettis Seele tönt, finden wir nichts dergleichen. Das macht:Dante, wie die primitiven Maler, war ein Mystiker aus Un-wissenheit, nicht aus Geistesschwäche der Entartung. Der Roh-stoff seines Denkens, das Thatsachen-Material, womit er arbei-tete, war falsch, aber dessen Benutzung durch seinen Geist warsicher und folgerichtig. Alle seine Vorstellungen sind klar, wohl-