Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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Der Mysücisimis.

Volk des Mittelalters Kirchengemäldc ansah. Der lüdcrlicheDichter läßt seine Mntter zur heiligen Jungfran sprechen:Ich bin ein armes und altes Weib, das nichts weiß und nieeinen Buchstaben gelesen hat; im Kloster, wo ich Pfarrkindbin, sehe ich ein gemaltes Paradies, wo Harfen und Lautensind, und eine Hölle, wo Verdammte gesotten werden; dieseflößt mir Angst ein, jenes Freude und Fröhlichkeit. Laß michdie Freude haben, hohe Göttin, deren Hilfe alle Sünder an-rufen müssen; fülle mich mit Glauben ohne Hehl und Unterlaß;in diesem Glauben will ich leben und sterben." Mit dieserschlichten Gläubigkeit wäre eine mystische Malweise unverträglichgewesen. Der Maler vermied denn auch alles Schwimmende,alles Gehcimnißvolle; er malte nicht nebelhafte Träume undStimmungen, sondern positive Urkunden. Er hatte zu über-zeugen und konnte es, denn er war selbst überzeugt.

Ganz anders die Präraphaelitcn. Sic malten keine nüch-ternen Anschauungen, sondern Emotionen. Sie trugen deshalbin ihre Gemälde gehcimnißvolle Anspielungen und dunkleSinnbilder hinein, die mit der Wiedergabe sichtbarer Wirklich-keit nichts zu thun haben. Ich möchte nur ein Beispiel anfüh-ren: Holman HuntsTodcsschattcn." Ans diesem Bilde stehtChristus in morgenländischcr Gebetstcllung, mit ausgebreitetcnArmen, und der auf den Boden fallende Schatten seines Kör-pers zeigt die Form eines Kreuzes. Hier haben wir ein lehr-reiches Muster der mystischen Tenkvorgänge. Holman Huntstellt sich Christus im Gebet vor. Durch Jdeen-Assoziationerwacht gleichzeitig die Vorstellung des spätem KreuzestodesChristi in ihm. Er will mit den Mitteln der Malerei divseJdeen-Assoziation sichtbar machen. Und so läßt er den lebendenChristus einen Schatten werfen, der die KreuzeSsorm annimmt,also das Geschick des Heilands weissagt, wie wenn irgendeine geheimnißvolle unbegreifliche Gewalt seinen Leib zu denSonnenstrahlen so gerichtet hätte, daß sich eine wunderbare