Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
135
Einzelbild herunterladen
 

Der Mysticismns.

135

Angelico waren keine Mystiker. Oder genauer: sie gehörtenzur Gattung der Mystiker aus Unwissenheit, nicht aus orga-nischer Geistesschwäche. Der mittelalterliche Maler, der einenreligiösen Auftritt darstellte, war überzeugt, etwas vollkommenWahres zu malen. Eine Verkündigung, Auferstehung, Him-melfahrt, eine Begebenheit aus der Heiligengeschichte, ein Austrittaus dem Leben in Paradies oder Hölle besaß sür ihn denselben»»bezweifelten Charakter der Wirklichkeit wie etwa ein Trink-gelage in einer Soldatcnscheuke oder ein Prunkmahl in einemHerrnpalaste. Er war Realist, wenn er Uebersinnliches ab-bildete. Ihm wurde die Glaubeussage als eine Thatsache er-zählt, er war von ihrer buchstäblichen Wirklichkeit durchdrungenund gab sie so wieder, wie er jede andere wahre Geschichte vor-getragen hätte. Der Beschauer trat an das Bild mit denselbenUebcrzeugungen heran. Das religiöse Kunstwerk war die Ar-menbibel. Es hatte für den Menschen des Mittelalters dieselbeBedeutung wie die Abbildungen in sittengeschichtlichen und natur-wissenschaftlichen Werken für unsere Zeitgenossen. Es sollteerzählen und belehren und mußte darum genau sein. Wir wissenaus der rührenden Strophe Villons/) wie das lesensunknndige

Knllnüs gus Villon ksit L ln rsgussts ils ss, insrs xour xrisrXostrs vnins.»

lesiums ss suis xovrstts et nuoisunsHui risns ns sgnz?, onegues lsttre8 ns lens,

Lu llloustisr vo^ («tont suis pnrroissisnns)ksraüis painet, ou sont linrxes st ln?,

Nt nnK snksr, nu ilumnsL sont donlluir,li'uuZ: ins kniet pnour, l'nutrs so^e st lissss,

I/n snis nvoir kniete ino^ (linulto ässsss)

L gui i>sebenr8 äoivsnt tnus rsennrirLoinble^ äs ko^, snns kainets ns pnresss,bin essts koz^ ss vusil vivrs et inourir."

Es ist bezeichnend, daß der Praraphaelite Rossetti gerade dieses Ge-dicht Villons übersetzt hat. (»Ilis inotdees ssrvies ro nurkosnis. S 180.)