Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
130
Einzelbild herunterladen
 

IZg Der Mysticismus.

vor ihm die Schriftgelehrten von Theben bereits zu machengewußt hatten.

Die Präraphaeliten gingen weiter als Ruskin, bei demsie sich alle ihre Leitgedanken geholt haben. Sie mißverstan-den sein Mißverständniß. Er hatte blos gesagt, daß die Man-gelhaftigkeit der Form durch die Andacht und das edle Gefühl desKünstlers ausgewogen werden könne. Sie aber erhoben es gerade-zu zum Grundsätze, daß der Künstler, um edles Gefühl undAndacht auszudrücken, in der Form mangelhaft sein müsse.Unfähig, zu beobachten und sich über Vorgänge klare Rechen-schaft zu geben wie alle Geistesschwachen, unterschieden sie nichtdie eigentlichen Ursachen der Wirkung, welche die Primitiven aufsie übten. Die Bilder rührten und bewegten sie; das, wasdie Bilder von anderen, welche sie gleichgiltig ließen, am auffallend-sten unterschied, war ihre unbeholfene Steifheit; sie sahen alsoohne Weiteres in dieser unbeholfenen Steifheit die Quelle ihrerRührung und Bewegung und ahmten mit großer Mühe undGewissenhaftigkeit die schlechte Zeichnung der Primitiven nach.

Nun ist ja die Unbeholfenheit der Primitiven rührend.Aber weshalb? Weil diese Giottos und Cimabues aufrichtigwaren. Sie wollten der Natur näher kommen und sich vomZwang der gänzlich unwahr gewordenen byzantinischen Schul-überlieferung befreien. Sie rangen mit heftigster Anstrengunggegen die schlechten Gewohnheiten des Auges und der Hand,die ihnen die zünftigen Lehrmeister beigebracht hatten, und dasSchauspiel eines solchen Kampfes, wie einer jeden heftigen Kraft-anspannung der Persönlichkeit, welche Fesseln irgend einer Artzerreißen und ihr Selbst aus Unfreiheit retten will, ist dasanziehendste, das ein Mensch beobachten kann. Der ganze Un-terschied zwischen den Primitiven und den Präraphaeliten isteben, daß jene das richtige Zeichnen und Malen erst erfindenmußten, während diese cs vergessen wollten. Wo jene entzücken,müssen diese deshalb abstoßen. Es ist der Gegensatz zwischen