114
Der Mysticismus.
fräulein mit Krönlein im goldenen Haar und Pagen mit Fe-derbaretten bewegen, das erklärt sich aus den Vorbildern, welcheden Präraphaeliten, vielleicht ihnen selbst unbewußt, vor-schwebten.
Bewegungen in Kunst und Schriftthum entstehen nichtplötzlich und durch Urzeugung. Sie haben Vorfahren, vondenen sie in natürlicher Geschlechtsfolge abstammen. Der Prära-phaelismus ist ein Enkel der deutschen und ein Sohn derfranzösischen Romantik. Aber auf ihrer Wanderung durch dieWelt hat die Romantik unter dem Einfluß der wechselnden Zeit-stimmungen und der Sonderart der verschiedenen Völker solcheAenderungen erlitten, daß im englischen Abkömmling kaum nocheine leise Familien-Aehnlichkeit an die deutsche Ahnin erinnert.
Die deutsche Romantik war in ihren Ursprüngen ein Rück-schlag gegen den Geist der französischen Encyklopädisten, diedas achtzehnte Jahrhundert unbestritten beherrscht hatten.Ihre Kritiken alter Jrrthümer, ihre neuen Systeme, welchedie Räthsel der Welt und der Menschennatur erklären wollten,hatten zuerst geblendet und fast berauscht. Auf die Dauerkonnten sie jedoch nicht befriedigen, denn sie begingen nach zweiRichtungen hin einen großen Fehler. Sie deuteten die Welt-erscheinung mit ungenügender Kenntniß der Thatsachen und siehielten den Menschen für ein Verstandeswesen. Stolz auf ihrstreng folgerichtiges, mathematisches Denken, übersahen sie, daßdieses eine Methode der Erkenntniß, nicht aber die Erkenntnißselbst ist. Der logische Apparat ist eine Maschine, die nur denStoff verarbeiten kann, den man in sie hineingeschüttet hat.Ist sie nicht gefüttert, so läuft sie leer und macht zwar Ge-räusch, erzeugt aber nichts. Der Stand der Wissenschaft imachtzehnten Jahrhundert erlaubte den Encyklopädisten nicht,ihren logischen Apparat mit Nutzen in Betrieb zu setzen. Siemerkten das- aber nicht und führten unbewußt waghalsig mitihren geringen Mitteln ein System auf, das sie selbstgefällig