6
kiu (1s Lieels.
Unruhe nachts geweckt, mit dem Rufe aufspringt: „Was ichgedacht, ich eil' es zu vollbringen". Die ün-äs-siseloStim-mung ist ganz anders. Sie ist die ohnmächtige Verzweiflungeines Siechlings, der inmitten der übcrmüthig blühenden, ewigweiterlebenden Natur sich zollweise sterben fühlt, der 'Neid desgreisen, reichen Wüstlings, der ein junges Liebespaar einemverschwiegenen Waldverstcck znstreben sieht, die Beschämung vonErschöpften und Unfähigen, die sich vor einer Pest von Florenzin einen zauberischen Garten geflüchtet hätten, um einen Dc-camerone zu erleben, und sich vergebens abguälen würden, umder unsicher!! Stunde noch einen Sinnenrausch zu entreißen.Wer „das adlige Nest" von Turgenjeff gelesen hat, erinnertsich des Schlusses dieser cdeln Dichtung. Der Held, Lavretzky,kommt als alternder Mann in das Haus zu Besuche, wo erin jüngeren Jahren seinen Liebesroman erlebt hat. Es istAlles unverändert: im Garten duften die Blumen, in dengroßen Bäumen nisten lustig zwitschernde Vögelchen, auf deinfrischen Rasen tummeln sich übermüthige, jauchzende Kinder,nur Lavretzky ist alt geworden und blickt, ein gramvoller Aus-geschlossener, auf das Bild dieser Natur, die fröhlich weitcr-lebt und sich nicht darum kümmert, daß die geliebte Lisa ver-schwunden und Lavretzky ein gebrochener, lebensmüder Manngeworden ist. Lavretzkys Erkenntlich, daß inmitten dieser ewigjungen, ewig blühenden Natur er allein keinen kommendenMorgen mehr hat, Alvings Todesschrei nach „der Sonne, derSonne" in Ibsens „Gespenstern", das ist die richtige „kin-äs-siöols^-Verfassung der Zeitgenossen.
Das Modewort hat die nothwendige Unbestimmtheit, welchees geeignet macht, all das Halbbewußte und Undeutliche zubezeichnen, das sich in den Geistern regt. Wie die Worte„Freiheit", „Ideal", „Fortschritt", die Begriffe auszudrückeuscheinen und thatsächlich blos Laute sind, so sagt auch .chn-eia-sisols" an sich nichts und empfängt eine wechselnde Bedeutung