Oap. 10. Zorn und Indignation. 215
auch kein scharf ausgesprochener Unterschied in ihren characteristi-schen Ausdrucksweisen. Im Zustande mäßigen Zornes ist die Thätig-keit des Herzens ein wenig vermehrt, die Farbe ist erhöht und dieAugen werden glänzend. Auch die Respiration ist ein wenig be-schleunigt, und da sämmtliche dieser Function dienende Muskeln inAssociation handeln, so werden die Nasenflügel etwas erhoben, umder Luft einen freien Einzug zu gestatten, und dies ist ein äußerstcharacteristisches Zeichen für die Indignation. Der Mund wird gewöhn-lich zusammengedrückt und beinahe immer findet sich ein Stirn-runzeln an den Augenbrauen. Anstatt der wahnsinnigen Geberdeder äußersten Wuth wirft sich ein indignirter Mensch unbewußt ineine Stellung, bereit zum Angriffe oder zum Niederschlagen seinesGegners, den er vielleicht vom Kopf bis zu den Füßen mit trotzigerHerausforderung abmißt. Er trägt seinen Kopf aufrecht, seine Brustordentlich gehoben und die Füße fest auf den Boden gestellt. Erhält seine Arme in verschiedenen Stellungen, einen oder beide Ellen-bogen eingestemmt oder mit den Armen starr an den beiden Seitenherabhängend. Bei Europäern werden die Fäuste gewöhnlich ge-hallt 18 . Die Abbildungen Fig. 1 und 2 auf Tafel VI sind ziemlichgute Darstellungen von Leuten, die Indignation simuliren. Es kannja auch ein Jeder in einem Spiegel sehen, wenn er sich lebhaft ein-bildet, daß er insultirt worden ist und in einem zornigen Tone seinerStimme eine Erklärung verlangt, Er wird sich dann plötzlich undunbewußt in irgend eine derartige Stellung werfen.
Wuth, Zorn und Indignation werden in nahezu derselben Artund Weise über die ganze Erde ausgedrückt. Die folgenden Beschrei-bungen dürften der Mittheilung werth sein, da sie Zeugnis hiervonablegen und da sie einige der vorstehenden Bemerkungen erläutern.Eine Ausnahme besteht indeß in Bezug auf das Ballen der Fäuste,welches hauptsächlich auf Menschen beschränkt zu sein scheint, diemit ihren Fäusten kämpfen. Bei den Australiern hat nur einer meinerCorrespondenten die Fäuste ballen gesehen. Alle stimmen darin über-ein, daß der Körper aufrecht gehalten wird, und mit zwei Ausnahmengeben sie sämmtlich an’, daß die Augenbrauen schwer zusammen-gezogen werden. Einige von ihnen deuten den fest zusammenge-
13 Le Brun bemerkt in seinen bekannten „Conferences sur l’Expression“(La Physionomie par Lavater, edit. 1820, Vol. IX, p. 268), daß Zorn durchdas Ballen der Fäuste dargestellt wird. s. in demselben Sinne Huschke,Mimices et Pliysiognomices Fragmentum Physiologicum, 1824, p. 20. Auch SirCh. Bell, Anatomy of Expression, p. 219.