80
Mittel des Ausdrucks bei Tliiereu.
Cap. 4.
mit gewissen Seelenzuständen einsehen. Es wird z. B. ein von einemjungen Thiere oder von einem Gliede einer Thiergemeinde als einRuf nach Hülfe ausgestoßener Schrei naturgemäß laut, lang ausge-zogen und hoch sein, so daß er in größere Entfernung reicht. DennHklmhoutz hat gezeigt 7 , daß in Folge der Form der innern Höhledes menschlichen Ohrs und seiner daraus sich ergebenden Resonanz-fähigkeit hohe Töne einen eigenthümlich starken Eindruck hervor-rufen. Wenn männliche Thiere Laute ausstoßen, um den Weibchenzu gefallen, so werden sie natürlich solche anwenden, welche denOhren der Species lieblich sind; und es möchte scheinen, als wenndieselben Töne oft sehr verschiedenen Thieren angenehm wären, undzwar in Folge der Ähnlichkeit ihres Nervensystems, wie wir selbst jadies darin wahrnehmen, daß uns der Gesang der Vögel und selbstdas Zirpen gewisser Laubfrösche Vergnügen macht. Auf der andernSeite werden Laute, welche hervorgebracht werden, um einem FeindeSchrecken einzujagen, naturgemäß rauh und unangenehm sein.
Ob das Princip des Gegensatzes, wie sich vielleicht hätte er-warten lassen, bei Lauten mit in’s Spiel gekommen ist, ist zweifel-haft. Die unterbrochenen lachenden oder kichernden Laute, welcheder Mensch und verschiedene Arten von Affen hervorbringen, wennsie vergnüglich gestimmt sind, sind von lang ausgezogenen Schreiendieser Thiere, wenn sie in Angst sind, so verschieden wie nur mög-lich. Das tiefe Grunzen der Befriedigung eines Schweines, wenn ihmsein Futter zusagt, ist von dem scharfen Schrei des Schmerzes oderSchreckens äußerst verschieden. Beim Hunde aber sind, wie erstvor Kurzem bemerkt wurde, das Bellen vor Zorn und das vor FreudeLaute, welche durchaus nicht in Gegensatz zu einander stellen; das-selbe gilt auch für einige andere Fälle.
Es findet sich dabei noch ein anderer dunkler Punkt, nämlich,oh die unter verschiedenen Zuständen der Seele hervorgebrachtenLaute die Form des Mundes bestimmen oder ob die Form desselbennicht von unabhängigen Ursachen bestimmt und der Laut dadurchmodificirt wird. Wenn ganz junge Kinder schreien, so öffnen sie ihrenMund weit, und dies ist ohne Zweifel nothwendig, um einen starkenvollen Laut auszustoßen; der Mund nimmt aber dann aus einer völligverschiedenen Ursache eine fast viereckige Gestalt an, welche, wiespäter erklärt werden wird, von dem festen Schließen der Augen-
7 Die Lehre von den Tonempfindungen, 1870, S. 221 ff. Helnilioltzhat auch in diesem gelehrten Werke die Beziehung der Form der Mundhöhle zudem Hervorbringen der Vocallaute ausführlich erörtert.