Druckschrift 
Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
Entstehung
Seite
59
Einzelbild herunterladen
 

Cap. 3.

Directe Wirkung des Nervensystems.

59

führt werden kann, wenn ersteres heftig afficirt wird, ist das Er-bleichen des Haars, welches gelegentlich nach äußerst heftigem Schreckoder Kummer beobachtet worden ist. Ein authentischer Fall ist voneinem Mann in Indien berichtet worden, welcher zur Hinrichtunggeführt wurde und bei welchem die Veränderung der Farbe so schnelleintrat, daß sie für das Auge wahrnehmbar war 1 * * .

Ein anderes gutes Beispiel bietet das Zittern der Muskeln dar,welches den Menschen und vielen oder geradezu den meisten derniederen Thiere gemeinsam zukommt. Das Zittern ist von keinemNutzen, oft geradezu störend, und kann ursprünglich nicht durchden Willen erlangt und dann durch Association mit irgend einerSeelenerregung gewohnheitsgemäß geworden sein. Eine ausgezeich-nete Autorität hat mir versichert, daß kleine Kinder nicht zittern,sondern unter den Umständen, welche bei Erwachsenen heftiges Zitternherbeiführen würden, in Convulsionen verfallen. Das Zittern wirdbei verschiedenen Individuen in sehr verschiedenem Grade und durchdie verschiedenartigsten Ursachen hervorgerufen, so durch Einwirkungder Kälte auf die Oberfläche, durch Fieberanfälle, trotzdem die Tempe-ratur des Körpers hier höher als im normalen Zustande ist, bei Blut-vergiftungen, im Delirium tremens und anderen Krankheiten, durchallgemeinen Kräftemangel im hohen Alter, durch Erschöpfung nachübermäßiger Ermüdung, nach localen Reizen durch heftige Verletz-ungen, sowie Verbrennungen, und in einer ganz besondern Art undWeise durch die Einführung eines Katheters. A 7 on allen Seelen-erregungen ist bekanntermaßen Furcht diejenige, welche am leich-testen Zittern herbeiführt, aber dasselbe tliun gelegentlich großerZorn und große Freude. Ich erinnere mich, einmal einen Knabengesehen zu haben, welcher gerade seine erste Bekassine im Flugegeschossen hatte, dessen Hände vor Entzücken in einem solchen Gradezitterten, daß er eine Zeit lang nicht im Stande war, seine Flintewieder zu laden; und ich habe von einem ganz ähnlichen Falle beieinem australischen Wilden gehört, dem eine Flinte geliehen wordenwar. Schöne Musik verursacht in Folge der unbestimmten Erreg-ungen, welche sie hervorruft, ein den Rücken hinablaufendes Schauernbei manchen Personen. In den eben erwähnten physikalischen Ur-sachen und den Seelenerregungen scheint sehr wenig Gemeinsames zuliegen, was das Zittern veranlassen könnte. Sir James Paget, welchem

1 s. die interessanten Fälle, welche Ct. Po liehet gesammelt hat in der

Revue des Deux Mondes. Jan. 1. 1872, p. 79. Vor wenig Jahren wurde auch ein

Fall der British Association in Belfast mitgetheilt.