54 Allgemeine Gesetze des Ausdrucks. Cap. 2.
worden zu sein scheint 2 . Dr. Scott, von der Exeter Taubstummen-Anstalt sciireibt mir, daß „Gegensätze beim Lehren der Taubstum-„men, welche einen lebendigen Sinn für dieselben haben, sehr viel„benutzt werden.“ Trotzdem bin ich doch überrascht gewesen, wiewenig völlig unzweideutige Beispiele sich dafür anführen lassen. Dieshängt zum Theil davon ab, daß sänmitliche Zeichen gewöhnlichirgend einen natürlichen Ursprung haben, und zum Theil von der Ge-wohnheit der Taubstummen und Wilden, ihre Zeichen zum Zweckegrößerer Geschwindigkeit so viel wie nur möglich zusammenzuziehen 3 .Ihre natürliche Quelle oder ihr Ursprung wird daher häufig zweifel-haft oder geht vollständig verloren, wie es in gleicher Weise auchbei Worten der articulirten Sprache der Fall ist.
Überdies scheinen viele Zeichen, welche offenbar zu einanderim Verhältnis des Gegensatzes stehen, beiderseits als selbständigeBezeichnungen entstanden zu sein. Dies scheint für die Zeichen zugelten, welche die Taubstummen für Licht und Dunkelheit, für Stärkeund Schwachheit u. s. w. benutzen. In einem spätem Capitel werdeich zu zeigen versuchen, daß die einander entgegengesetzten Ge-berden der Bejahung und der Verneinung, nämlich das senkrechteNicken und das seitliche Schütteln des Kopfes, beiderseits wahr-scheinlich einen natürlichen Ausgangspunkt hatten. Das Schwingender Hand von rechts nach links, welches von manchen Wilden alsZeichen der Verneinung gebraucht wird, dürfte, als Nachahmung desIvopfschiittelns erfunden worden sein; ob aber die entgegengesetzteBewegung des Schwingens der Hand in einer geraden Linie vom Ge-sicht abwärts, welches als Zeichen der Bejahung gebraucht wird,durch den Gegensatz oder in irgend einer völlig verschiedenen Artund Weise entstanden ist, bleibt zweifelhaft.
Wenden wir uns nun zu den Geberden, welche angeboren sindoder allen Individuen der nämlichen Species gemeinsam zukommenund welche unter die vorliegende Kategorie des Gegensatzes fallen,
2 M. Tylor gibt in seiner ,Early History of Mankind 1 (2. edit. 1870, p. 40)eine Beschreibung der Geberdenspraehe der Cistercienser und macht einige Be-merkungen über das Princip des Gegensatzes bei den Geberden.
3 s. über diesen Gegenstand das interessante Werk vonDr. W. R. Scott,The Deaf and Dumb, 2. edit. 1870, p. 12. Er sagt: „Diese Zusammenziehung„natürlicher Geberden, in viel kürzere als es der natürliche Ausdruck erfordert,„ist unter den Taubstummen sehr gewöhnlich. Diese zusammengezogene Geberde„ist häufig so verkürzt, daß sie alle Ähnlichkeit mit der naturgemäßen Form„verloren hat, aber für die Taubstummen, welche sie gebrauchen, hat sie noch„immer die Stärke der ursprünglichen Bezeichnung.“