Periode der Origimilgenies. — Der Rhein. (Gvthe'S Jugend.) 343
Schwall von vagen Empfindlingen zu umwickeln pflegt; die-hellste Be-stimmtheit, die Wieland's Klarheit übertrifft, grenzt zuweilen mit poeti-schen Phrasen, die an Jean Paul erinnern, der reinste Pragmatismuswechselt mit symbolischen und allegorischen Darstellungen. Immer schwe-ben seine Neigungen um Ertreme. Er machte an die Menschheit über-triebene Anforderungen, wie Jean Paul, aber in entgegengesetzter Weise:rüttelt bitter an den einzelnen Menschen und nimmt keine veredelteMenschheit in Aussicht, dies thut Jean Paul und erzieht sanft an demEinzelnen, die menschliche Schwäche achtend. Klinger denkt von denMenschen zu gut und zu schlecht, und daher rühren die feinen Karrikatu-ren in seinen Dichtungen, die Heroen in Tugend und Laster. Daß ernirgends ein Mittel fand, beruht darin, daß er die mittleren Stände derGesellschaft, die auch in allen seinen Dichtungen fast niemals anftreten,gar nicht gekannt hat. Er kannte nur Einsamkeit und aus Erinnerungendie Noch der alleruntersten Stände, und dann den Hof und das Hofle-ben, und er lernte sich mit beiden vertragen. Dies erklärt seine morgen-ländische Natur, da man im Orient eben diesen Mittelstand nicht hat,und da der Gebildete dort keine andere Wahl hat, als die Klinger über-all statuirt: einsam oder am Hofe zu leben, Derwisch oder Vezier zusein. Es erklärte seine Sympathie mit Rußland, und daß der Freiheits-mann, wie Klopstock seinen dänischen König, seinen Kaiser Alexanderbis in den Himmel erhebt. Es erklärt seine feinen Entschuldigungendes Despotismus, den er in sich gefunden hat und in Jedem muthmaßte.Es erklärt, daß der disciplinarische Erziehungsaufseher, der pädagogischeSoldat die größte Freiheit im Militärstand, im Gehorsam fand! Dieserklärt auch, warum er das ächte Bürgervolk des neuen Europa, dieEngländer, nicht mag, und um seinen Shakespeare zu retten, ihn keinenEngländer nennt; und warum Er, der dem Herzen nach ein ächt deut-scher Patriot ist, doch wieder dem Kopfe nach mit dem anständigenFranzosen hält, der ihm ein viel vollendeterer Mensch ist, als derDeutsche. Hier steckt wieder seine Ertremsucht, das Suchen nach scharf-geprägten Formen menschlicher Ausbildung dahinter. Er verträgt sichaus den ganz entgegengesetzten Gründen, wie Wieland, mit Voltaireund Rousseau, obgleich ihm jener seiner Natur nach so entfernt lag, wieWielanden dieser; Wieland vertrug Beide aus eigener Glätte und Rundezugleich, Klinger aus eckiger Schärfe nach einander. Daß Voltaire'sGeschichte eine Satire auf die Vorsehung sei, das gerade nahm ihn fürihn ein; er fragt, was denn die ganze Geschichte anders sei, und warumman sie im Sinne der orthodoxen und hyperorthodoren Theologie lesenGcrv. d. Dicht. IV. Bd. 35