538 Umsturz d. konvmt. Dichtung durch Verjüng, d. Nnturpoesie.
indeß, schulmeistert, kastrirt sich, heirathet über auch noch ein unschuldi-ges Bauernmädchen, Alles, damit es ein Lustspiel gibt. Eie Reihe lehr-hafter Stellen über die Hofmeisterei nimmt sich dazu ganz sonderbar indieser Komposition aus. Und diese Stücke wurden damals aufgeführt,regellos, unverständig, wüst, wie sie waren! Aber man denke auch, wielange man sich über elenden Farcen und französischen Uebersetzungcn ge-langweilt hatte! Hier gab es doch etwas zu sehen, heftige Ausbrüche,ganz ungewöhnliche Seenen, gewaltsame Erschütterungen! Wie vielmehr mußte dies reizen, als jene schleppenden Dcklamatorien! Wie vielansprechender waren diese lebendigen Töne und einzelnen Natnrlaute,die hier allerdings nicht fehlen, gegen jene steifen Moralsentenzen, undjene gezirkelte Komplimentirpoeste, gegen die nun Alles Feuer undFlamme war.
Weit der fruchtbarste und nachwirkendstc unter diesen Dichtern, undder ächte Vertreter dieser Zeit ist Fr. Marimilian Klinger (aus Frank-furt 1753—1831), von dem wir schon Hauptzüge zur Charakteristik derPeriode entlehnt haben, die von seinem Schauspiel Sturm und Drangsogar den Namen führt. Seine erste Thätigkeit war ganz anfs Drama-tische gerichtet; nachdem er sich, wie wir oben hörten, in Weimargezeigt hatte, war er 1770 in Leipzig, wollte da (wie Nieolai schreibt,und wenn er nicht eine der vielen Klatschereien wiederholt, die damalsüber alle diese Leute umgingen) „in der Geschwindigkeit die Artillerielernen, um nach Amerika zu gehen und da mit Thatkraft die Freiheit zuverfechten," änderte dann aber den Entschluß und „blieb bei Seiler umTrauerspiele zu machen." Er hatte in seinen Zwillingen (1774) mitI. A. Leisewitz (aus Hannover 1752—1800) um jenen Preis ge-stritten, den Schröder ans das beste Stück über Brudermord ausgesetzthatte. Der Julius von Tarent von Leisewitz ist ein regelmäßiges, über-legtes Stück, und gibt uns die Gegensätze zweier ungleichen Brüder,eines spekulativen, grübelnden, schwankenden, von der Liebe bewegten,eines handelnden, entschiedenen, unüberlegten, von der Ehre getriebe-nen ; erst gegen das Ende wird der reflektirende Gang etwas lebendiger.Man würde sagen, dies Stück baute sich mehr auf Lesstng's Schule auf,obwohl Lessing selbst es anfangs von Göthe verfaßt glaubte, wie mandamals überhaupt auch Stücke von Klinger (die neue Arria z. B.), Lenzund Wagner aufRechnung Göthe's setzte, gerade so wie in Shakespeare'sZeit dieselbe Unsicherheit herrschte. Es ist, gegen Klinger's Zwillingegehalten, die selbst dem gewiß nicht zu zartfühligen Bürger gar zu tollwaren, unstreitig das bessere Stück; aber das wildere bekam den Preis,