-122 Umsturz d. koiwent. Dichtung durch Verjüng. d. Natnrpocste.
Lesstng und Herder liegen sich einander so entschieden gegenüber,wie Schiller und Göthe: in großen Fragen waren sie einig, im allge-meinen Streben ungleich, und grundverschieden in Natur und Lebens-weise, in Berus und Schriftstellerei. Beschäftigt sich Herder mit Lessing,so hören wir einen vagen Scholiasten zu dem klarsten Schrifsteller, Ex-kurse der Empfindungen über die schärfsten Begriffe, über die vierlöthig-sten Sätze runde Bemerkungen, und wie Herder selbst einigemal sagt:Träume. Bei Lesstng's Beweisführung würde mit Einem Satze Alleszusammenfallcn, in Herder's Reden ist vieles Vortreffliche und Herrlichemit vielem Falschen und Schiefen gemischt; dort darf man nicht wählen,hier darf man nichts anders als wählen. Wo Lcssing anregt und auf-fordert, verschließt Herder und stumpft ab: jener will nur Funken schla-gen, dieser nur selbst leuchten; jener trifft überall den Nagel auf denKopf, der dann wohl hastet, Herder aber braucht selbst hier und da denAusdruck, wenn er am Ziele seiner Untersuchung angelegt ist: jetzt stehedie Zunge der Wage inne! Dabei aber ist dem Zuschauer immer schwan-kend zu Muthe, wie geschickt die Handhabung ist. Herder versteht diesevortrefflich: sie besieht in den Kunstgriffen der Ueberredung, auf die dieTheologen vor allen Menschen angewiesen sind. Dem mathematischenLessing gegenüber wirkt er mit musikalischen Eindrücken; den knappenHeischesätzen entgegen mit umstellender Rede. Aus allen seinen Schriftenblickt der glänzende Redner, der gewohnt ist, an Stellen zu predigen,wo kein Widerspruch erlaubt ist, und so schildert W. von Humboldt auchdie einzige Redegabe des Mannes im persönlichen Umgang als eine un-nahbare. So vielen Verhalt Lessing auf eine Strecke zu den Verfechterndes gesunden Menschenverstandes hatte, so vielen hatte Herder mit denGenialitäten; Beide hielten bei näherem Zusehen inne, wie es zumAeußersten kam. Von den Genialitäten zog sich Lessing schweigend zu-rück, achtungsvoll vor dem Zeichen der Zeit; aber Herder lehnte sich ge-gen die kantische Philosophie feindlich auf, die kein geringeres Zeichender Zeit war. So viel Lessing Verhalt und Liebe zu den bildenden Kün-sten hatte, so viel hatte Herder zur Musik. Beide waren nicht Dichter,aber aus ganz verschiedenen Gründen: den Einen hemmte das Ueber-wiegende des Verstandes, den Anderen das der Empfindung; die Wis-senschaft und Kritik jenen, diesen die Theologie und Redekunst; die zu-rückgebliebene Zeit jenen, und diesen die sich selbst überfliegende. Dochstellte jenen die sichere Einsicht besser, als diesen daS sicherste und feinsteGefühl: Herder's eigene Poesien sind sämmtlich vergessen, aberLesstng's dauerten aus; Herder selbst bewunderte gegen die Stimme der