3!>6 Umsturz d. konvcnt. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoesie.
der Sitte Eintrag thnt und alle schöne Natur verhüllt, dies Allesund die sinnliche Gluth, die über dieser Schrift liegt, die reine Auf-fassung des hellenischen AlterthumS und der Schönheitssinn, der ans ihrathmet, gehört Winckelmann's eigener Natur und dem erwachendenGeiste der neuen Zeit in Deutschland an, und mochte für Lessing erstaun-lich anregend sein. Dagegen erscheint er in Anderem wieder ganz nochals ein Schüler der schweizer Aesthetiker. Auch reichten ihm diese bereit-willig die Hand, zogen ihn in ihren freundschaftlichen Kreis und schicktenihm ihren Heinrich Füßli, diesen Kraftgeist und Shakespearianer unterden deutschen Malern jener Zeit, dessen kindliche Natur bei großen Ta-lenten Winckelmann ungemein anzog, und dem ec Rom zeigte, wie cskein Deutscher vorher gesehen hatte. Wie die Schweizer, so sprichtWinckelmann in jener Schrift noch der Vermischung der Künste dasWort; er will, daß der Maler Dichter werde, und Figuren durch Bilder,d. h. allegorisch male, daß er seine Kunst auf das Unsinnliche, auf denGedanken richte, was ihr höchstes Ziel sei; ein historisches Gemäldeohne Allegorie war ihm wie ein historisches Gedicht, ein Epos ohneDichtung. Die Allegorie ist ihm in der Malerei, was die Fabel in derPoesie. Diese Ansichten, die er nie aufgab, die er vielmehr in einer spä-teren besonderen Schrift über die Allegorie noch mit mehr Nachdrucklehrte, stammen unmittelbar aus Breitinger's Lehren, und man siehtleicht, wie deßhalb Lessing's Laokoon sich gerade ihnen entgegenwirft.Ans die erste Nachricht von dieser Schrift, die böswillige Aushetzer alsFeindseligkeit gegen Winckelmann auslegtcn, nannte Winckelmann denVerfasser einen Bärenführer, sprach aber dann mit Achtung davon undnahm sein Nrtheil zurück, doch so, daß er auch späterhin Lessingen einenMenschen von wenig Kenntniß und einigem Universitätswitz nannte, dersich in Paradoxen gefiele. Wie schön und edel stand dagegen Lessing ihmgegenüber. Als Winckelmann „wie ein armes Schlachtopfer ermordetgefallen war auf der Grenze zweier Nationen", für die er sein ganzesWirken einsetzte, erklärte Lessing, daß er ihm gern ein paar Jahre vonseinem Leben geschenkt hätte. Ec hatte die Briefe zur Durchsicht in denHänden, in denen Winckelmann leidenschaftlich gegen ihn schrieb; Stoschwollte die Stellen tilgen, aber er litt es nicht. „Niemand, sagte er,kann den Mann höher schätzen als ich, doch möchte ich eben so ungernWinckelmann sein, als ich oft Lessing bin." Lessing konnte bei seinemästhetischen Richteramt nicht anders, er mußte die Unsicherheit vonWinckelmann's ersten Knnstansichten auswittern und durfte nicht dazuschweigen. Wie vieles blieb nicht durch sein ganzes Leben an Winckel-