384 Nnisturz d. konvent. Dichtung durch Verjüng, d. Natnrpocsic.
wohin bald ein instinktartiger Zug jeden Deutschen trug, der in Knustund Bildung frei von der Scholle werden wollte.
Göthe schien die Aufgabe gelöst zu haben, um die man damals inLeben und Dichtung wetteiferte. Er stellte das Ei des Columbuö, andem Klopstock und Wieland gekünstelt hatten, um es nothdürftig füreinen Augenblick zu halten, wie ColumbuS fest; aber seine ganze Schuleum ihn her zerbrach mit plumper Faust die Schale und verschütteteWeißes und Gelbes. Man wollte Natur und griff nach Rohheit, fürEinfalt nahm man Gemeinheit, den feinen Lurus des Verstandes gabman auf und fiel auf den der Leidenschaften und sinnlichen Genüsse. DesDämons Einflüsterung sollte große Schöpfungen eingeben, aber manhörte gleichgültig auf die bösen Geister wie auf die guten. Oft gebrachdie Materie, aus der etwas zu schaffen wäre, und aus Nichts zu gebärenwollte die Allmacht des Genies nicht hinreichen. Man führte immerOssian und Homer im Munde, und die ersten Eindrücke, die wir dortherempfangen, Kindlichkeit, Unschuld, Einfalt, Maß und Zucht müssen dieseKraftgenies nie empfunden haben, die uns dafür Unzucht, Unnatur undBombast gaben. Man schrie immer von Shakespeare, und am vorderstendie Leute, die nie die Welt gesehen hatten, die, in dunkler Einsamkeitbegraben, bacchantische Anfälle hatten von Dichterbegeisterung, abernoch mehr von selbstischen Einbildungen über ihre Gaben und Kräfte.Daher denn kamen in den Menschen jene wunderbaren Täuschungen,die einen Wezel zum Wahnsinn trieben; daher in den Dichtungen diesonderbare poetische Verzerrung, jener Unsinn, der mehr an Wahnsinnals an Dummheit grenzt, ein Zug, der, nach dem höchst treffenden Aus-spruch eines jener Kraftmänner selbst, den deutschen Unsinn vor allemandern Unsinn der Welt unterscheidet. In dem Streben nach Natur undWahrheit rückte man die Kunst aus ihrer idealen Höhe in die Tiefe derWirklichkeit hinab, und weil man doch empfand,, daß die Dichtung nichtdes Ideals entbehren konnte, so suchte man nun Leben und Wirklichkeitpoetisch zu bilden, und man rüttelte an der alten hergebrachten Tracht,Sitte, Empfindung und Anschauung, und suchte Alles zu heben und zusteigern. Die Forderung des Genies vergriff sich im Stoff, und statt demGeiste Freiheit zu geben zu edlen Schöpfungen, schlug diese Wendungihn in die Fesseln blinder Leidenschaftlichkeit; Sinnlichkeit sollte Schön-heit, Genredichtnng sollte Original, Karrikatnr sollte Kraft und Aus-druck sein. Wie in der Dichtung die Regel, so ward im Leben das sitt-liche Gesetz geleugnet. Jacobi suchte das moralische Genie, das Urbildjenes Geschlechts zu schildern, das sich selbst als sittliches Gesetz ansah,