Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
362
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362 Wiedcrgeb. d. Dicht, uut. d. Einflüssen d. Moral/ u. d. Kritik.

Reisender außer Lichtenberg vielleicht der trefflichste Benrtheiler über dasSchauspielwescn jener Zeit ist, fand die wiener Schauspieler, die amlängsten jenen alten Stil bcibchielten, pomphaft und anständig in ruhi-ger Stellung, übertreibend in Bewegung, Ausdruck und Gestikulation,ohne Einsicht in die Charaktere und oft selbst in den gemeinen Sinn derWorte. Corueille's heroische Sentenzen, sagt er, Raeiue's Tiraden,Destouches' feine Hofrepartien, Marivaur'ö guintessenzinerWitz krümm-ten und quetschten sich in dem Munde deutscher Schauspieler, zumal daAlles ehrenfest und lahmübersetzt war. Daher herrschte ein langsamer,eintöniger, predigender Ton, mit dem nur ruckweise ein krampfhaftesAusbrausen abwechselte; im Lustspiele aber ein gedehntes, ängstlichesunsicheres Wesen, das den Sinn deS Stückes nie traf. Sitten und Ge-sinnungen der fremden Stücke waren den Schauspielern so fremd wie denZuschauern. Ackermann und Koch fingen an einigen Sinn dafür zu zei-gen , wie man einem Stücke sein Recht thue. Erst Eckhof aber war derErste, der die feinen Schwierigkeiten dieser Art ganz einsah, erleuchtetdurch Lcssiug'S Umgang. Er erschöpfte den Umfang seiner Kunst, undspielte in seinen besten Jahren von den heftigsten oder innigsten tragi-schen Rollen bis zur feinsten oder niedrigsten komischen Alles in gleicherVollkommenheit. Er sah zuerst ein, welche unermeßliche Forderung anden deutschen Schauspieler gestellt ward, daß er französische, englische,spanische, italienische Stücke und auch deutsche, die aus all diesem zu-sammengestoppelt waren, spielen solle. Er studirte aber, behandelte undspielte alle fremden Stücke je nach ihren Sitten; und in jedem Charakterwar ec bis zur vollen Täuschung ein Anderer. In seinem Odoardo fandNievlai jede höchste Anforderung übertroffen. Er sagte es ihm, undEckhof erwiderte: Wenn der Autor tief ins Meer der menschlichen Ge-sinnungen und Leidenschaften hiuabtaucht, so muß der Schauspieler jawohl nachtauchen, bis er ihn trifft. Dies ist freilich mühsam und miß-lich. Aber nur wenige machen cs dem Schauspieler so schwer wie Les-sing. Man kann die Anderen leicht Haschen, sie schwimmen oben auf wieBaumrinde. Eckhof verschmähte allen Flitterstaat der Deklamation,er suchte die wahren Töne der Natur, führte ins Trauerspiel den ein-fachen Ton ein, der der Würde und Zärtlichkeit gleich fähig ist, undwußte ihn von der einfachsten Sentenz bis zum feurigsten und wüthcnd-sten Ausdruck zu steigern; und ebenso traf er im Lustspiel zuerst den un-gezwungenen Nnterhaltuugston. Er war cs, der die Dircktorschaftenimmer verschmähte, der, ganz seiner Kunst hiugegebeu, in Hamburg eineneue Zeit für die Schauspielkunst schuf und vortreffliche Spieler zog.