328 Wicdcrgeb. d. Dicht, mit. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.
Patriarchen, und auf allen Schulen in Sachsen und Schlesien spieltendie Schüler noch wcise'sche Stücke; ja in Breslau waren dramatischeAufführungen sogar durch milde Stiftungen auf den Gymnasien ver-ordnet.
Gottsched, als er sich vornahm, die deutsche Bühne auf den Fußder französischen zu bringen, unternahm unter diesen Umständen keinekleine Sache. Sie gelang ihm aber über Erwarten schnell. Er benutzteseinen Einfluß wie in allen übrigen Stücken, so auch in diesem Punkteanfangs vortrefflich, bis ihn der Uebermuth später zu falschen Schrittenverleitete, die ihm auch hier seinen Fall bereiteten. Er setzte sich mit sei-nen sächsischen und schlesischen Schulmeistern; in Zittau, in Schweidnitz,in Breslau, in Annaberg und überall suchte er die weise'schen Stücke zuverleiden und neue, regelmäßige, übersetzte eiuzuführen. Er berichtet inseinen Zeitschriften fleißig über die Ausbreitung und den Fortgang diesesGeschmacks; er redet dann immer vornehm von den „Untergebenen" derRektoren, statt von ihren Jungen; und wenn ihm einer noch ein wcisc'-sches Stück neben den finnigen oder denen seiner Frau unterlaufen läßt,so kleidet er sein sein Mißfallen in Lob, indem er vermuthet, es geschehedies blos, um den Unterschied zwischen schlecht und gut fühlbar zu machen.Der Rektor Stief in Breslau (ff 1751), der mit Breßler, Lichnovöky,Tschammer und Aehnlichcn zu Gottsched übergetreten war, ein alfieit-fertiger Stadtpoet, ließ die Oper fallen und verfertigte über vierzigSchauspiele, alle aus den neuen Schlag, zu denen sich ein großer Zuflußvon vornehmen Zuhörern drängte. Alles dergleichen versäumt Gottschednie bekannt zu machen, und er läßt es Magistrate, Gelehrte und Vor-nehme bei jeder Gelegenheit empfinden, daß sie sich nicht genug für dasSchauspielwesen interessiren und es nicht von der rechten Seite ansehcn.Seitdem er den Horaz gelesen und gefunden hatte, daß bei den Altendie Chöre die Stelle unserer Predigten vertraten, sah er das Schauspielfür eine Schule des Volkes und ein Katheder der Tugendlehre an. Mitdiesen moralischen Waffen vereinte er seine kritischen und ästhetischen,um für die Tragödie und das Lustspiel, und gegen die Oper und Bur-leske zu kämpfen. Er wollte für die Skrupulösen und für die Vernünf-tigen den Anstoß wegräumen, der in den „Hanswursten, den Petern undKuchenfressern" der italienischen Possen lag; er ging darin so weit, daßihm Moliöre's populäre Stücke und unnatürliche Witze zuwider waren;das oeäo tertium des plautinischen Geizhalses war ihm ein Gräuel;von dem „selbstgewachsenen" Witz des Weise und den Stümpeleien derimprovisirenden Schauspieler gar nicht zu reden. Auch die Oper bestritt