Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
326
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326 Wiedergeb. d> Dicht, unt. d. Einflüssen d. Moral, n. d. Kritik.

Schauspieldichtung war wie ansgegangen; die Spieler sargten selbst fürStaatsaktionen, Possen und Impromptus, und die konnten sich nichteinmal gestalten nnd ansbilden, weil sie die Unternehmer, in derenTruppe sie entstanden, ans Mißgunst nicht veröffentlichten. Von denSchauspielern aus schien also so wenig etwas zu hoffen für eine Her-stellung der Bühne, als von dem Volke selbst, dessen Theilnahme sehrgering geworden war. Die Höfe gaben noch weniger Trost. In Dres-den, in Berlin, in Wien hielt man italienische Sänger und französischeSchauspieler, nnd was war selbst von diesen zu lernen! Ans Berlin be-richtet um 1735 Herr von Stcinwchr, ein Mitglied der deutschen Gesell-schaft, an Gottsched über den unsäglichen inneren nnd äußeren Schmutzder Darstellungen französischer Schauspieler, die selbst die Komödien desitalienischen Theaters ins Unkenntliche entstellten. Briefe auS Wien,um 1750 an Gottsched geschrieben, berichten ihm zu seinem großen Er-götzen über das Spiel der dortigen französischen Schauspieler so, daß ersich allerdings freuen durfte über die Fortschritte, die man in Leipzig aufder deutschen Bühne gemacht hatte. Diese Beschreibung ist durchaussprechend "H.Die Liebhaberin, heißt cS darin, macht ihrem Liebhabereine oricntalisch-chrjstlich-französische Reverenz, beide Hände kreuzweisauf der Brust, den Leib tief vorwärts gebogen; von jedem Schritte, densie macht, zittert die Bühne. Der Liebhaber umarmt sie mit dem Haupteans ihrer-Brust, den linken Fuß über den ganzen Bauch wer solltenicht speien? Alle Schauspielerinnen machen Katzenbuckel, stellen sichsehr geil an, seufzen nnd heulen, vervielfachen das Affektirte und treibendas Bewegliche bis zum Kitzel. Die Hände fliegen über die Scheitel,die Stimme verliert sich in Seufzen. Der linke Fuß bleibt wie angena-gclt, der rechte thnt zuweilen einen Schritt, mit Erschütterung des Leibes,der Bühne und des Zuschauers; dann beugt sie sich vorwärts nnd zeigetihre Fleischbank." Bei solchen Mustern war es kein Wunder, daß sich diebesseren unserer spätem Schauspieler aus sich selbst und aus den rohestenAnfängen bilden mußten. Denn das Beste war noch immer das, wassich aus der eigentlichen Volkskomödie hoffen ließ. Auch diese dauertehier und da fort, am meisten in Oesterreich, Throl und Oberbayern, woweder öffentliche Ereignisse noch die neue Bildung störten. Von Wien,wo das Impromptu, die Lokal- und VolkSpocsie immer zu Hause war,ging jener Schuch aus, der bei schon anständigeren Verhältnissen dieStegreifspiele am längsten festhiclt und sie zu einer gewissen Feinheit

157) Neuestes aus der anmuthigeu Gelehrs. II, p. K3S.