u. weltlichen Moral/ u. d. Kritik. — Preußens Thcilnalnne re. 205
erwachenden Kunstsinn mit der Ausgrabung von Pompeji entgegenkam.Wir haben oben gehört, wie schon Klopstock aus sich den Ton dieser nor-dischen Dichtung getroffen, und wie viele elegische Empfindung sür Na-tur und Einsamkeit Alles vorbereitet hatte, um diesem Sänger die be-geistertste Aufnahme bei uns zu verschaffen. Die Neuheit der Sache undder thörichte Streit über dic Aechthcit dieser Gesänge reizten schon äußer-lich die Neugierde "H; aber weit übcrwog diese die süße Bewunderung,die sich deS ganzen Geschlechts bemächtigte, das soviel Zuneigung zeigtezu diesen Naturmalereien, zu diesen idyllischen Seenen, dieser Wehmnthund Sehnsucht, die hier untergegangcnen Welten nachseufzt. Hier wargerade so viele oder wenige, geringe und einförmige Menschheit, daß sieden Empfindungen breiten Raum gab, und nicht mehr epische Erzäh-lung, als sich über dem musikalischen Eindruck vergessen ließ. Wie form-los und des Zusammenhangs entbehrend, wie unplastisch und zerrissendiese Gemälde dalagen, fühlte man damals nicht, wo der poetische Sinndurchaus noch für keinen Ueberblick großer Verhältnisse geschärft war.Man setzte Ossian über Homer, weil er mehr Herz und Gemüth zeigte,weil er Kraft und Empfindsamkeit paarte, weil die bis zum Erhabenenedlen Charaktere mehr als die menschlichen des Homer dem kleinen Men-schenstolz der Pedanten schmeichelten, die von Welt und Menschheit kei-nen Begriff hatten. Daher ergriff der neue Dichter nicht allein dieGöthe, Klopstock und Herder, sondern auch die Denis und Kretschmann,die Bodmer und Snlzer. Wer sich am prosaischsten fühlte, durfte hof-fen, seine dürftigen Gedanken am wirksamsten mit den verschwimmendenTönen dieser musikalischen Prosa zu verhehlen, oder seine poetische Blößemit dem bauschigen Gewände der nordischen Mythologie zu bedecken.Gerade dieser kam Ossian wie gerufen zu Hülfe. Klopstock hatte sie be-reits eingeführt, der Professor Gottfried Schütze hatte schon 1758 inseiner „Beurtheilung der verschiedenen Denkungsarten bei den alten grie-chischen und römischen, und nordischen und deutschen Dichtern" nach-drücklich auf sie hingewicsen, Gerstenberg folgte nachher zuerst. Aberweder diese Autoritäten, noch die späteren Bemühungen der Gräter,Karl von Münchhausen u. A. wollten etwas verfangen; die Welt zeigtenicht die Anlage aus ihrer Fremdheit heraus unö nahe zu treten. Doch
104) Ich brauche Wohl nicht zu sagen, daß ich hier von Ossian in dem Tone rede,in dem ihn die Zeit damals empfing. Soll sich der Streit in nnsern Tagen noch einmalerneuern? S. Talvj, die Unächtheit der Lieder Ossian's. 1840. und katric ül'Krex»,',Nie xsnuine remains ol Ossian etc. I,vnä. 1841.