142 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Stimmung der Zeit begreiflich, daß hier die kaenltas laerimatm-ia (wiesie Füßli nannte) und die patriarchalische Salbung am tiefsten eingreifenmußte. Bodmer setzte Tscharner in Bewegung, den Messias ins Fran-zösische zu übersetzen, und Meiern in Halle, ihn zu benrtheilcn: (derMessias 1.749); er selbst schrieb Empfehlungen, Auszüge und Abhand-lungen und fing an, den Plan seiner Noachide hervorzusuchen. WasMilton dem Klopstock war, sollte dieser wieder für ihn werden; der ver-ständige Mann, der kaum kritische Gedichte zu schreiben gewagt, fühltesich plötzlich von der seraphischen Muse begeistert. Um dies zu begreifen,muß man auch hier die moralischen Einflüsse nicht vergessen. Klopstockergriff die jüngeren Gemüther mit einer unwiderstehlichen Anziehungs-kraft; der zwar 50jährige Bodmer ließ sich jugendlich mitreißen, undihm war nachher der enthusiastische Wieland persönlich lieber als ihmKlopstock war. Um die Stimmung in diesem Kreise zu bezeichnen, wäh-len wir eine Stelle aus Briefen von I. G. Heß, Pfarrer zu Altstettenbei Zürich, der gleich 1749 in Zufälligen Gedanken über den Messiaseben so empfindnngsvoll diese Erscheinung begrüßte, als Meier trocken,und verständig gethan hatte ^). Er schreibt an Bodmer, er müsse ihmKlopstock's Freundschaft verschaffen; entweder sei die platonische Liebeeine Chimäre, oder er habe so rechtmäßige Ansprüche an diese Freund-schaft, wie Klopstock an die Liebe seiner Fanny, denn er sei in alle seineedlen Gemüthseigenschaften und Tugenden beinahe so schmerzlich ver-liebt, als Er in seine Freundin. Wenn er ihn nicht znm Freunde anneh-men wollte, so werde er (der sich bisher nur in Lohensteinischer schwer-fälliger Poesie versucht hatte) noch lernen, zärtliche Oden zu machen,und darin so kläglich thnn, daß sich die ganze Nachwelt für sein freund-schaftliches Herz ebenso wie für seine Liebe interessiren müsse. Balddaraus schreibt Heß an Klopstock selbst tändelnde Briefe, in denen er dieRolle des Liebhabers zu Klopstock's Tochter (der Messiade) spielt. Mitder größten Gewissenhaftigkeit las man hier und bedachte sich jede Zeilein diesem Werke, damit ja Alles vollkommen sei, damit kein Octhodorerund kein Ketzer, kein Kritiker und kein Poet etwas zu tadeln haben sollte.Die nüchternen Heidegger, Wasec und Künzli hatten ihre religiösen undkritischen Bedenken bei der Sache, sie wagten es aber kaum in Anti-messianischen Briefen (1749) unter der Maske von Landpredigern ano-
88) Von ihm hat Lessing sehr schön gesagt:
Sein kritisch Lämpchen hat die Sonne selbst erhellet,und Klopstock, der schon stand, von neuem aufgestellet.