106 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Nachruhm und Unsterblichkeit in Helle Flammen, die selbst seine christ-liche Demuth nicht Niederhalten konnte. Mit eben jenem friedlichen Ge-mnthe kam er zu den Leipzigern, das den Lärm der Streitigkeiten haßte;aber bei ihm bildete sich der Abscheu gegen alle Kritik zu einer seltenenHöhe. Sein Vater selbst ermunterte ihn, die thersitischen Gottschedianermit dem goldenen Scepter des Ulyß zu widerlegen, aber er fand es nichtehrbar, und machte es sich später zum Grundsatz auch auf keinen Tadelzu achten, selbst wo Stillschweigen für Schwäche ansgelegt werde. Auchden elegischen Hang brachte er schon aus der Schule mit; er äußerte sichbei ihm in Liebe zu Natur und Einsamkeit, die die übrigen meistenskälter ließen. In den Andern brachte diese Stimmung das Bedürfnißder Freundschaft zu Tage, Keiner hat cs so stark empfunden als Klop-stock; Freundschaft war ihm mit der Liebe im Grunde einerlei; sie warihm nach dem Bewußtsein, seine Pflicht gethan zu haben, die größteGlückseligkeit des Menschen hier und dort. Wir fanden in Jenen einengewissen Frohsinn oft dicht neben Trübsal und Schwermut!) liegen, beiKeinem ist Beides so energisch ausgesprochen wie bei Klopstock. Er hatmit seiner freieren Weise, so wunderlich dies auch lautet, auf die kräfti-gere Lebensregung in den 70er Jahren ebenso entschieden gewirkt, wiemit seiner liebenden Schwermuth auf die sentimentale Sinnigkeit vorher.Seine körperlichen Fertigkeiten, sein Schlittschuhlaufen, das er mit Lei-denschaft trieb, das er so schön besang, für das er in solonischem ErnsteGesetze entwarf, sein Reiten, sein Baden, hat sich unmittelbar auf dieStolberge vererbt, die diese Künste in einer Art betrieben, daß sie Göthenein Aergerniß waren. Wenn Klopstock zu Gleim nach Halberstadt kam,hatten die heitersten Festlichkeiten Statt, und spät noch setzte er (in derOde: der Wein und das Wasser) den muthwilligen Jugendseenen einDenkmal, die sie dort durchlebten. Wie sich Scherz und Ernst bei ihmablösteu, zeigen nicht allein einzelne Dichtungen, wie wenn er (in derOde Frohsinn) mit Wehmuth besingt, wie er glücklich durch Heiter-keit war, sondern auch solche Scenen seines Lebens, wie der höchstcharakteristische Besuch in Zürich und die Fahrt ans dem See. DieFrommen unter den Zürichern erwarteten einen heiligen Propheten inihm kennen zu lernen; sie hätten wohl über seine Fragmente, die er vor-las, den ganzen Tag verweint, Er aber hielt die Freude wach underoberte sich, den Anderen voran, von seiner spröden Schönen, die ihmzugetheilt war, einen Kuß. So sagt er selbst, er habe Lieder singen wol-len wie Hagedorn, aber die Muse hätte ihm zugewinkt, nicht jene Liederhabe ihn die Natur gelehrt.