Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
86
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86 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

stickten.. Die Schule unterdrückte den besten Theil seiner Jugcndfrende;der Hofmeister gewöhnte ihn an Bedientendienste und an so viel Ehr-furcht, daß er später noch seine Strenge pries; die Noth zwang ihn,Kaufbriefe, Dokumente, und gerichtliche Akten abznschreiben, was ihmfrühe den artigen Kanzleistil einübte, dessen er sich auch in Privatbricfenbediente. Auf der Fürstenschule in Meißen machten Günther's Gedichtevorübergehend einen Eindruck auf ihn. Darauf blickte er später wie aufein Verbrechen zurück. Sie hätten einen feuerspeienden Aetna ans ihmgemacht, der alle umherlicgenden gesunden Gegenden verheert habe!Schon bei seinen Studien in Leipzig aber war dieser gefährliche Hangvöllig unterdrückt. Hypochondrie und Kränklichkeit wiesen ihn frühe zueiner Religiosität hin, die ganz ohne alle fremde Einmischungen, selbstin Gellert'S Sinne ängstlich und peinlich genannt werden muß, weil erabwechselnd einmal so viel Trost darin fand und so viel Stolz hincin-setzte, daß er den Vorwurf eines Milzsüchtigen und Abergläubigen, denihm die Spötter machten, als den erhabensten Lobspruch anfnimmt, einandermal aber den Gedanken schrecklich findet, daß uns die Religion dasVergnügen des Lebens rauben sollte, und doch selbst dabei eingestehcnmuß, daß ihm die Hypochondrie den rechtmäßigen Antheil am geselligenLeben entzöge. In Hellen Augenblicken beschuldigte er sich selbst einerfinstern Ernsthaftigkeit und Schwcrmnth, die die Frucht eines siechenKörpers und schweren Blutes sei, und einer leichtsinnigen Eilfertigkeitim Wohlthnn, die aus Trägheit und Weichlichkeit entstehe. Statt daßihn aber diese Beobachtung hätte von seinem Aseetismus zurückschreckensollen, so arbeitete er sich, wie aus seinem Tagebuche hervorgeht, in einestrenge Achtsamkeit ans jede Empfindung hinein, verkümmerte sich mitAndachtsübungen auch seine guten Stunden, in denen er gradeganzEmpfindung der Religion zu werden" sucht; er steigerte dann seine Be-gierde nach einem stets stärkeren Maaße andächtiger Gefühle, schriebseinen Mangel daran nicht mehr der Krankheit, sondern der menschlichenGleichgültigkeit zu, klagte sich des Unglaubens, der Erstorbenheit desHerzens, der Eitelkeit an, und quälte sich mit dem Zweifel, ob er nichtdas Gute aus Verlangen nach dem Scheine thäte! Grade, weil in die-sem letzten feinen Vorwurfe einiges Wahre lag, mochte dies für ihn einweiterer Antrieb sein, sich ans übertriebener Gewissenhaftigkeit so strengezu verfolgen. Ein seiner Ehrgeiz barg sich in dem bescheidenen Mann;er ward zwar züchtig roth, wenn man ihn lobte, aber er hörte es gerne;als ihm ein Sinngedicht zu Gesicht kam, das Kleist bei einer falschenNachricht von seinem Tode machte, und das mit den Worten schloß: