u. weltlichen Moral, u. d. Kritik. — Die Vcrf. d. Brem. Bcitr. 85
(übrigens vier Wochen nach dem Vorfall) in scherzhaftem und selbstmuthwilligem Tone erzählte, wie sein Hans abgebrannt sei mit seinenSchriften, und wie er es mit Gelassenheit und ohne eine unruhige Mi-nute habe brennen sehen. Dieser Brief ward damals von den Hände-saltcnden vielfach zu seinem Nachtheil gedeutet. Wer begreift es! Göthefand sich daher bewogen, grade dieses Briefes wegen und grade miteiner frommen Händesaltuug Rabenern „als einen Heiligen allen denenheiteren, verständigen, in die irdischen Ereignisse froh ergebenen Men-schen zur Verehrung" zu empfehlen! Wer begreift auch dies? Wie sehrübrigens auch unter den männlicheren Lesern jener Tage in den 50erund 60er Jahren durch die empfindsame und sanfte Stimmung der Zeitdie Verweichlichung und die Scheu vor strenger Satire durchgedrnngcnwar, können uns, zur weiteren Entschuldigung Rabeuer's, die Literatur-briefe lehren. Sie bevorzugen weit den schalkhaften und naiven Horazvor dem strengen Juvenal! sie empfehlen Lafontaine und Gellert diesersanfteren horazischcn Manier wegen! von so gutmüthigen Männern inso unschuldigen Formen, wie die Fabeln waren, ertrug sich allenfallsein sanfter Streich. Ganz neu nennt man dort den Satiriker seinemTemperament nach ongiilnm paois, und erklärt sich geradezu gegen allesschonungslose Entlarven. Das heißt denn freilich verlangen, der Sati-riker solle als ein Schaf im Wolfskleide einhergehen, und noch dazumehr als die Ohren Herausstrecken, um ja nicht zu plötzlichen Schreckeneinzujagen.
Das Verhältniß Rabeuer's und seiner Schriften zu der Gesellschaftkündigt schon jene große Weichlichkeit an, die nachher freien Spielraumfür die Kraftgenies öffnete, bei deren Auftreten diese Lieblinge in einemgroßen Theil der Nation veralteten und abhängig wurden, und demEinzug der Empfindsamkeit alle Thore öffnete. Noch weit deutlicheraber blicken wir ans diesen schwächlichen Charakter der Zeit in Gellert,dessen Schriften nicht allein, sondern auch dessen Beispiel und persön-liches Wirken ungemeinen Eingang in die Nation fanden. Bei ihn:müssen wir daher einen Blick auf seine Lebensweise^) werfen, was wirüberall nur da thun, wo uns persönliche Verhältnisse gleich charakteristischund wichtig zur Aufklärung der Zeiten erscheinen, wie die Schriftenselbst. Christian Fürchtegott Gellert (aus Hayuichen 1715 — 69)war auf der Schule in jenen drückenden und engen Verhältnissen, diebei unseren Vätern so langehin jeden freien Aufschwung im Keime er-
4A) Bergt. Gellert's Leben von I. A. Cramer. 1774.