Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
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und weltlichen Moral, und der Kritik. llcberblick. 9

alles, was die Kunstblüte unter uns hemmte, wegzuräumeu. Er griffdaher das ängstliche Christenthum und die Orthodoxie an, die der Dich-tung und dem Theater entgegen waren, und eben so das verständigePrineip in der bisherigen Poesie. Er legte jenes denkwürdige Zengnißgegen seine eigene kritische Dichtung ab und ließ hinfort dem Jacobinis-mus in unserer Literatur, an dem Er nicht Theil haben konnte, schwei-gend und nicht ohne geheimes Wohlgefallen den Lauf. Eine ganz neueWelt zerstörte nun hereinbrechend die alte. Die Vertreter der früherenDichtung, Haller, Klopstock und Andere traten ab, Wieland, wie vor-sichtig er lavirte, entging nicht heftigen Angriffen, selbst Lessing's Stel-lung ward hier und da über seinen Werken vergessen, die nach dem altenStile waren. In allen Fächern quoll nun ein neuer Geist heraus, an-regend mehr als vollendend, und Herder ist der eigentliche Vertreterdieser Zeit, der die Leidenschaft zuerst losband und gegen Alles, wasdem alten Kastenwesen ähnlich war, gegen die Schulgelehrten, gegendie Schnlpoeten, gegen die nüchternen Geistlichen, gegen jeden Druckund Anmaßung gleich in frühester Jugend gewaffnet stand. Er brachteSchwung zu allen Wissenschaften, Vorliebe zur urältestcn und einfach-sten Dichtung des Volks, Freiheit der Forschung in Religionsdingen invollen Händen mit. Die Jugend bemächtigte sich der ganzen Literatur,ein republikanischer Geist riß selbst jene Stolberge und Aehnliche, dieihrem Stande und Wesen nach den Privilegirten angehörten, in denrevolutionären Schwindel mit; eine ungestörte Preßfreiheit herrschte inden Zeitschriften, in denen jener ungeheure Kampf geführt ward, Allergegen Alle, wo Empfindsamkeit mit Humor, Vaterlandssinn mit Welt-bürgerthum, Mpsticismus mit Freigeisterei, Originalität mit Classicis-mus, die gesammte Poesie mit dem Einfluß und Gegenstoß der Wis-senschaften und der Weltbegebenheiten stritt, wo kalte Vernunft undprophetische Begeisterung, Menschenverstand und Empfindsamkeit, Ein-falt und Unnatur, Rücksichtslosigkeit und Pietät, Geschmack und Rohheitoft anfs härteste sich stießen, oft aufs wunderlichste neben einander lagen.Der Despotismus des französischen Geschmacks allein war es, wasgemeinsam von Freund und Feind in diesen Bewegungen niedergewor-fen ward, in denen die Einwirkungen von England her die wichtigsteRolle spielten. Es war eine eigentliche Schreckenszeit, jene Periode derOriginalgenies, die jedes Herkommen verachteten, jede Autorität mitFüßen traten, auf dem erschütterten Ansehen Gellert's und Klopstock'sver kaum erst allgemein angegriffenen Freigeisterei Altäre errichteten, diein der Dichtung alles Gesetz und jede Regel verwarfen. Verknöchert und