VI
Einleitung.
Selbsterkenntnis der Familie beizutragen. Läßt doch Nietzsche seinen Zarathustrasagen: „Dies aber ist die andere Gefahr und mein anderes Mitleiden: wer vomPöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Großvater, — mit dem Großvateraber hört die Zeit auf. Also ist alles Vergangene preisgegeben . . . ."
Unzählig oft im vielbewegten Leben hat mich die Unkennntnis der eignenFamilie beschämt, das augenscheinliche Befremden derer, denen ich nur ganz un-bestimmte Antworten auf die Fragen geben konnte: Sind Sie verwandt mit demund dein Unruh? Stammen Sie von den U's ab, die in der und der GegendJahrhunderte lang saßen? Wo ist wohl der und der bekannte General U. geborenund verblieben? Worauf beruht es, daß sich die einen Unruh, die andern Unrug,die dritten Unruhe schreiben? Es war nur ein geringer Trost, daß begegnendeNamensvettern auch nicht besser, höchstens darüber noch Auskunft geben konnten,ob ihre Vorfahren in der Mark, in Schlesien, Gstpreußen oder Posen heimischgewesen waren. Und doch hatten alle im wesentlichen gleiche Uberlieferungen vomUrsprung der Familie im „Elsaß" und in „Franken", von einem Müller her, einemniederen Manne, der sich kraftvoll gegen Unrecht, Bedrückung, Kränkung und Ubermachtdurchgerungen. Mehrfach kam dabei der Name Eberhard vor, immer hieß es,Alter und Verbreitung der Familie sei viel zu groß, als daß noch Klärung möglichsein werde. Grade die Größe der Forschungsaufgabe reizte mich, an meinem Teilewenigstens zur Lösung beizutragen und weil die Forschung Zeit, Mittel und Krafterfordert, ward es mir zur Pflicht, an sie zu gehen, sobald sich diese Voraussetzungendazu bei nur zusammenfanden. Zum festen Vorsatz gestaltete sich mir die Absichtdurch eine Begegnung (383. Zur Vorsaal des Abgeordnetenhauses unterbrach <Vb.-Reg.-R. H. das Gespräch mit mir, auf einen drüben eintretenden, mittelgroßen,stark brünetten, nur ganz unbekannten Herrn deutend: Kennen Sie den Herrn? Nein?— Er winkte ihn herbei und stellte vor: Herr v. N. aus W. Herr AmtsrichterN. aus Köslin. Mir fuhr wie unwillkürlich ohne alle Erläuterung die Frage heraus,ob er denn wirklich ein rechter Nnruh sei. Ohne weiteres antwortete er: Ja, ichhabe schon wieder einen blonden Sohn, worauf H. bemerkte, solches Verständnisbeweise schlagend die gemeinsame Abstammung. Schon die flüchtige Erörterungergab dennoch, daß trotz weiterer Gemeinschaft an Überlieferungen der verwandt-schaftliche Zusammenhang nicht annähernd bestimmt werden konnte. Von da anbegann ich zu sammeln, was sich nur gelegentlich bot, sorgte für Aufzeichnungendessen, was Verwandte wußten und bereitete planmäßiges Forschen vor. Den Anfangmit diesem konnte ich erst im Sommer (9^^ machen. Seither wurde ununterbrochenalles in Privatsammlungen, Bibliotheken und Archiven des Pn- und Auslandesz. Z. Erreichbare in viel tausend Einzelangaben gesammelt, geordnet, gesichtet, umes zu einem Ganzen zusammenzufügen. Allen denen, die mir dabei wertvolle undliebenswürdige Hilfe brachten, zu danken, ist mir nicht nur Pflicht, sondern inneresBedürfnis. Sie alle zu nennen, ist unmöglich, aber aus der großen Zahl hervor-zuheben habe ich Herrn Geh. R. Or. Joachim (St. Archiv, Königsberg), MajorEduard v. U.-Freienwalde, Geh. R. I)r. Kiewning-Detmold, K. K. Archiv-DirektorKöpl-Prag, Reichsarchivrat Pör Sonden-Stockholm, für die allerältesten Funde HerrnMajor Turt v. U.-Posen und hauptsächlich den leider früh verstorbenen Geh. R.Prof. vr. Berner vom Kgl. Hausarchiv in Tharlottenburg.
Trotz alledem können die Forschungen durchaus nicht als abgeschlossen gelten.Aber sie noch so lange fortzusetzen, bis alles Erreichbare gesammelt wäre, würdenoch viele Zahre erfordert und wahrscheinlich die bisherigen Ergebnisse zumunvollendeten Nachlaß gemacht haben. Ein Anfang sollte und mußte aber gemacht,das Baugerüst fertiggestellt und der Rohbau unter Dach gebracht werden. Die nach-kommenden Forscher stehen dann keinem Thaos mehr gegenüber und können, wasnoch ermittelt wird, leichter dahin bringen, wohin es zur Ergänzung, Berichtigung,