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Nur am Ursprung und Geschick der Einzelnen lassen sich die wandelvollenZeitereignisse durchdringend erfassen, die Einzelnen aber nur verstehen, wenn man sieals Ergebnis ihrer Zeit und ihrer Abstammung, d. h. genealogisch zu würdigen trachtet.
Genealogie ist jedoch, nach etwa hundertjährigem Schlummer vor einigenJahrzehnten wieder erwacht, in der Meinung der ernsten wissenschaftlichen Forschungschon wieder zum Eitelkeitssport herabgesunken, weil so Viele sich damit nurbeschäftigen, um sich daraufhin mit hohem Alter ihrer Abstammung, namentlichihres Adels brüsten zu können. Ihnen zur Seite findet eine kleine Anzahl im genea-logischen Forschen dürftigen Broterwerb. Nur einem verschwindend kleinen Bruchteilist die Stammkunde eine ernste Wissenschaft, für den Historiker, den Soziologen ungefährvon derselben Bedeutung, wie für den Mediziner und Naturforscher die Anatomieund Physiologie: Mittel zu dem Ziel, die Einzelorgane vom ersten Ansatz bis indie entferntesten Ausläufer in Zusammenhang und Wechselwirkung mit dem Ganzenzu erforschen, das ihnen erst Zweck und Bedeutung verleiht.
Wachsende nationale Aultur bekundet sich darin, daß neuerdings immer mehrFamilien, glücklicherweise auch viele gut bürgerliche, ihren Ursprung und Entwicklungs-gang zu klären suchen. Dies wird einer der Wege werden, die auch uns Deutschezu dem mancher andern Nation längst eignen, charaktervollen dünkelfreien Selbst-bewußtsein führen können, das den: Einzelnen Halt und ruhige Sicherheit, demGanzen die Uberzeugung von der Unentbehrlichst nationalen und sozialen Zusammen-schlusses gibt. Dazu darf aber nicht die zerklüstende Absicht, sich über seine Mit-menschen erheben zu wollen, sondern es muß die Uberzeugung vorliegen, daß denHauptwert aller familiengeschichtlichen Feststellungen die Erkenntnis der Pflichtenbildet, zu denen sie die Nachkommen zwingen, aber auch befähigen.
Die mit sich selbst und der eignen Zukunft erfüllte Jugend pflegt zwar liebervorwärts als in die Vergangenheit zu schauen. Je mehr aber zunehmendes Altermit dem Gefühl der Endlichkeit des Einzelwesens und der Frage nach dem Wohinauch die nach dem Woher nahe rückt, desto reger wird das Bedürfnis nach Klarheitdes Ursprungs und das Verständnis für den Wert solcher Erkenntnis. Das erklärtdie Neigung so Vieler, sich in ihren alten Tagen an der Geschichte ihrer Familie ab-zumühen und den Irrweg zu verfolgen, der zu einer Art Ruhmeshalle der Vorfahrenmißleitet, statt die Erforschung objektiver geschichtlicher Wahrheit, auch gegenüberunrühmlichen Tatsachen zum alleinigen Ziel zu nehmen. Nur dieser Gesichtspunktwar für die hiermit der Öffentlichkeit übergebene Arbeit maßgebend, zu der michweder Eitelkeit, noch Langeweile, sondern nur Pflichtgefühl getrieben hat. Dennfür jeden Träger eines alten Namens ist es Pflicht, nach Wissen und Können zur