I
1. Die Buchdruckerpresse.
Ein Schriftsteller, welcher dickleibige Bände über die Erfindungder Buchdruckerkunst schrieb und deshalb für einen Fachmann ge-halten wird, sprach den in neuerer Zeit öfter nachgesprochenen Satzaus: »Das Drucken hat Gutenberg nicht erfunden, die Presseund sonstigen technischen Hilfsmittel sind für unsere Frage Neben-sache und bloss für die praktische Ausübung der Buchdruckerkunsterheblich; einem Gutenberg konnten sie gar keine Schwierigkeitenbereiten, und das XV. Jahrhundert hat gar kein Gewicht auf seineeinfache Handpresse gelegt.« Er meinte, die Erfindung habe einzigin der Herstellung von Stahlstempeln, Kupfermatrizen und gegossenenBuchstaben bestanden, und berief sich auf die Schlussschrift des imJahre 1460 erschienenen Katholikon, in welcher das »wunderbare Zu-sammenpassen und Gleichmass der Patronen und Formen« gerühmtwird, welche letztere Ausdrücke er sehr frei mit »Patrizen und Matrizen«übersetzte.
In dieser Darstellung der Erfindungsgeschichte sind Wahresund Falsches so gemischt, dass selbst die Wahrheit zur Unwahrheitwird. Gewiss, die Legende, welche den Erfinder der Buchdrucker-kunst Buchstaben in Baumrinde schneiden lässt, worauf der aus-schwitzende Saft die Umrisse der Buchstaben abfärben macht, isteine irrige; um das Jahr 1440 blühte bereits der Holztafeldruck,welcher wahrscheinlich aus China herübergekommen ist, in Deutsch-land; es gab in verschiedenen Städten Briefdrucker (»Brief« im Sinnedes lateinischen Wortes brevis »kurze [Schrift]«), welche Bilder mit undohne Text, ja selbst kleine Schriften, wie z. B. die lateinische Gram-