Druckschrift 
1 (1868)
Seite
253
Einzelbild herunterladen
 

253

grade ein Zeichen sein, dass die Musik selbst nicht anregendgenug für die Versammlung gewesen wäre? Jedenfallskonnte in der Schwäche der Ripienisten, in der elendenBeschaffenheit der Sänger und in der nicht genügendenBesetzung des Chors kein Grund liegen, grade so zuschreiben,wie Bach seine Kirchenmusiken geschrieben hat. DasPublikum wird in der grossen Mehrzahl stets geneigt sein,die sinnliche Richtung der Kunst dem Ernste und der Tiefederselben vorzuziehen. Die Aufgabe des schaffenden wiedes darstellenden Künstlers ist es, dem Hörerkreise nicht injener falschen Richtung zu folgen, sondern ihn zu denedleren Aufgaben, welche die Kunst zu lösen hat, her-überzuziehen.

Wenn man von dieser allgemeinen Betrachtung ausa uf die Instrumental-Verwendung zurückkommt, wie mansie bei Emanuel Bach findet, so darf man den Fortschrittnicht unbeachtet lassen, der grade nach dieser Seite derKirchenmusik hin durch Sebastian Bach bewirkt wordenwar. Dieser grosse Tonsetzer hatte, im Gegensatz zu derbis dahin gebräuchlichen Schreibart, dem Orchester eineselbständigere Haltung gegeben, in ihm die einzelnen In-strumente gleichsam mitsprechen lassen. Er hatte dadurchseinen Tonsätzen einen besonderen Reiz und eine Tiefeaufzuprägen gewusst, die man bis dahin nicht zu ahnenimStande gewesen war. Aber nicht allein in dieser Weise,sondern auch in der sinnreichen Verwendung der einzelnenInstrumente, ihrer concertirenden Behandlung und dercharakteristischen Wirkung, die er durch ihre Verbindungmit der Gesangsstimme herbeizuführen suchte, durch daseigenthümliche Colorit, welches er dadurch dem Musikstückaufprägte, hatte er sich auf den Standpunkt eines Regene-rators der instrumentalen Kunst gestellt. Händel, wie-wohl weniger erschöpfend, arbeitete doch sein Orchesterin dem Sinne vollständiger Selbständigkeit. In seinen Ge-saugswerken, sowohl für den Solo-Gesang als für den Chor,war die Gesammtwirkung, die imponirende Grösse des die