Emanuel Bach, der aus jener alten Schule, derkünstlerischen wie der bürgerlichen hervorgegangen war,hatte zu lange am Hofe Friedrich des Grossen gelebt,gerade während der Zeit, als dessen Geist die leuchtendstenFunken sprühte, als Aufklärung und Gedankenfreiheit sichin ihm zu verkörpern begonnen hatten, zur Zeit seineshöchsten Ruhmes, als dass nicht auch in ihm neue Ideen,neue Ueb er Zeugungen und Hoffnungen hätten Wurzelschlagen sollen. In seiue letzten Lebensjahre hinein abertönten die Donner der französischen Revolution, die denUmsturz der alten Verhältnisse vorzubereiten begannen.Sein Freund Klopstock hatte (1787) in einer Ode derjenseit des Rheins sich bildenden neuen Weltanschauunglobpreisende Hymnen gesungen. Konnte unter diesen Ver-hältnissen Emanuel Bach denken und schreiben wie seineVorgänger gedacht und geschrieben hatten? Konnte inihm jener kirchlich fromme Sinn der Väter fortwirken,der ihrer Zeit so eigenthümlich edle Werke hatte entstehenlassen? Und konnte er das Herrliche und Schöne, das siegeschaffen, unbekümmert um die neue Zeit, die ihn umgabund auf ihn wirkte, fortführen?
Eine weitere Frage ist die, ob Bach in der Kirchen-musik, anderen Bahnen folgend als die Vorzeit, diejenigeStellung eingenommen habe, die er nach seinen eminentenGaben und nach seinem gründlichen und allseitigen Wissenhätte einnehmen müssen?
Es ist bereits erwähnt, dass seine musikalische Naturauf einer lyrischen Grundstimmung beruhte. Er hattedarin eine nicht geringe" Aehnlichkeit mit Klopstock,seinem berühmten Zeitgenossen und Freunde. Der Ver-fasser der Messiade und der deutschen Gelehrtenrepublik,der Herrmannsdramen, des Salomo und der Oden, warnur in den letzteren, d. h. als Lyriker, zugleich auchDichter, Dichter in wirklich höherem Sinne. Vielleicht hatdieser typische Grundzug beider Naturen diese ausgezeich-neten Männer einander näher geführt und nahe erhalten.