108
Leben, Wirken und Schaffen vor der Nachwelt zu recht-fertigen.
Bei seinen Lebzeiten wurde mit diesem seinem Werkevielfacher Missbrauch getrieben. Sein Erscheinen gab dasSignal zu einer wahren Sündfluth von Lehr- und Unter-richtsbüchern für das Ciavier, welche den Nutzen, denBach durch seine Arbeit hatte stiften wollen, in Fragestellten. Seichtigkeit, oberflächliches Wesen, Nachahmungs-trieb thaten das ihrige dabei. Dies veranlasste ihn, nach-dem er in Hamburg festen Fuss gefasst hatte, zu folgenderöffentlichen Kundgebung 1 ):
„Die Veränderung, welche seit der Herausgabe meiner beidenVersuche im Reiche der Clavierspieler vorgegangen ist, habe ich mitdem grössten Vergnügen wahrgenommen. Ich kann ohne Ruhmredig-keit behaupten, dass seitdem richtiger gelehrt und besser gespieltwird. Allein eben so sehr bedauere ich, dass meine so gute Ver-anlassung unschuldiger Weise Gelegenheit geben muss, in die alteund eine noch ärgere Barbarei zu fallen. Der Stolz und Eigennutzmiissiger Köpfe begnüget sich jetzt nicht mehr damit, dass sie ihreigenes Machwerk vorzüglich spielen und ihren Schülern aufdringen;nein! sie müssen auch durch die Autorschaft sich unsterblich machen.Dadurch sind seit meinen Versuchen so viele Lehr- und Schulbücheriiber's Ciavier herausgekommen, dass man das Ende davon noch nichtabsehen kann. Unter allen diesen sind diejenigen meiner Ehre amnachtheiligsten, worin ausgerissene Stellen aus meinen Versuchen baldunter meinen Namen, bald ohne denselben eingerückt sind. Dass sieausgeschrieben haben, stehet ihnen frei, und ich würde nichts dagegenhaben: dass sie aber das Ausgeschriebene aus seinem nöthigen Zu-sammenhange herausgenommen, unrichtig erklärt und angewendethaben, dies ist so schädlich wie möglich. AVer kennet nicht denSchaden, den eine unrichtige Fingersetzung, unrechte Erklärung undAnwendung der Manieren, und eine ganze falsche Harmonie anrichtenkann? Ich kann ohne Passion und mit Wahrheit sagen, dass alleLehrbücher über's Ciavier, welche ich seit meinen Versuchen habeentstehen sehen, und mir bekannt sind (ich glaube aber, dass ich siealle kenne), voller Fehler stecken, und warne also die Liebhaberunsers Instruments davor. Was ich jetzt sage, kann ich, wenn esverlanget wird, beweisen. Will jemand behaupten, meine Versuchewären zu weitläuftig, so hat er nichts gesagt, und verräth zugleicheine grosse Unwissenheit. Ich theile alle Clavierspieler in zwo Klassen:in die erste gehören diejenigen, deren Hauptwerk die Musik ist, undalle Liebhaber, welche gründlich unterrichtet sein wollen. Für die
2 ) Hamburger unparteiischer Correspondent. 1773. Nro. 7.